Mittwoch, 5. August 2020

Die Dirigentin von Maria Peters

Klappentext:
New York, 1926: Für Antonia Brico gibt es nur die Musik. Unermüdlich übt sie an dem alten Klavier, das ihr Vater, ein Müllmann, auf der Straße gefunden hat. Ihr großer Traum: Dirigentin zu werden. Doch noch nie hat eine Frau in dieser Rolle auf der Bühne stehen dürfen. Als sie sich als junge Frau zu einem Konzert ihres Idols Willem Mengelberg schleicht, und sich auf einem Klappstuhl in den Mittelgang setzt, wird sie herausgeworfen und verliert dabei auch noch ihren Job im Konzerthaus. Sie steht vor dem Nichts. Doch sie gibt nicht auf und reist nach Europa, um für ihren Traum zu kämpfen. Sie verlässt sogar ihre große Liebe Frank, um nicht in dessen Schatten zu stehen. Unermüdlich klopft sie an die Türen der großen Musiker. Karl Muck, der legendäre Dirigent in Berlin, zerreißt vor ihren Augen ihr Empfehlungsschreiben. Antonia sieht letztlich nur einen Weg: Ein Orchester nur mit Frauen, von ihr selbst dirigiert. Mit dem Eröffnungskonzert ist klar: Es wird Antonia befreien – und die Musikwelt für immer verändern.

Dicht gedrängt wird in "Die Dirigentin" die Geschichte von Willy, Wilhelmina Wolthius, erzählt. Angefangen bei ihrer furchtbaren Mutter, der sie noch mit 23 Jahren ihr ganzes Geld aus zwei Jobs abgeben musste. Wie sie es schaffte, trotz allen Widrigkeiten zum Trotz Musikunterricht zu bekommen, ans Konservatorium zu gehen, in einer Band zu spielen, ihre Familiengeschichte zu enthüllen, und und und. 

Nicht ganz alles davon ist wahr. Maria Peters nahm sich fiktionale Freiheiten heraus und so ist dieser Roman zum gleichnamigen Film extrem spannend geraten. Ich empfehle deswegen den Roman zu lesen ohne zuerst (oder mittendrin, so wie ich) Antonia Brica und ihr wahres Leben zu googeln. Man macht sich sonst vielleicht zu viele Gedanken darüber, wie gewisse Buchszenen in Willys Leben ohne diese Zusätze gewesen wären, was von der spannenden Lektüre ablenkt. Das Lesen ohne Vorab-Info ist in diesem Fall einiges entspannender, obwohl alle Ereignisse eng aneinander gereiht die Seiten füllen und man als Leser*in kaum zum Luft holen kommt. 

Auch dann noch, als Willy es schafft und sie als Antonia Brico als erste Frau am Dirigentenpult steht. Denn nun steht die Frage im Vordergrund, ob die Musikwelt bereit ist, in dieser Männerdomäne eine Frau vor einem Orchester akzeptieren, ob die Musiker die Frau vor ihnen respektieren. Aber auch, ob die Menschen bereit sind, ihr überhaupt zuzuhören.

Das erste Konzert mit einem "Dirigenten, der zufällig eine Frau ist" - so Antonia Brico über sich selbst - war damals ein aufsehenerregendes Ereignis. Für uns heutzutage theoretisch total normal, auch wenn es immer noch eine Seltenheit ist, wenn eine Frau die Leitung eines Orchesters innehat. 

Es ist ein Roman über eine Frau, die hart arbeitete, um ihren Lebenstraum Wirklichkeit werden zu lassen. Eine Frau, die aber nie ganz aus sich heraus kommen konnte, was ihrer fast schon gefängnismässigen Kindheit in der sie sich immer fügen musste, anzurechnen ist. So jedenfalls wirkt Antonia in "Die Dirigentin", mit der ihrer Landsfrau Maria Peters ein eindrücklicher Einblick in die starre Männer-Musikwelt der 20er, 30er und 40er Jahre gelingt. 

Doch nicht nur die Frage nach der Stellung der Frau, auch die allgemeine Toleranzfrage wird in einigen Figuren-Beispielen sehr gut eingearbeitet, teilweise fast ein wenig zu klischeehaft überzogen. Auch hier wieder vielleicht etwas zu komprimiert, aber die Leser*innen bekommen einen guten Eindruck der damaligen Zeit. So ist "Die Dirigentin" nicht nur für Klassik-Interessierte ein toller Roman.

Fazit: Spannende und interessante Geschichte über eine willensstarke Frau, die sich ihren Platz vor dem Orchester durch entbehrungsreiche Jahre erobert.
4 Punkte. 


Kommentare:

  1. Liebe Anya,
    da haben wir ja heute beide musikalische Bücher vorgestellt =) Meine Rezension zu "Frau Beethoven" ist vorhin online gegangen. "Die Dirigentin" hört sich auf jeden Fall super interessant an und mir sagt der Name leider auch gar nichts...was für eine Schande, dass sie als erste Dirigentin nicht bekannt ist!
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Liebe Martina
      Frau Beethoven möchte ich eigentlich ja auch noch lesen - aber eben, viele Bücher, viel zu wenig Zeit, auch wenn wir beide viel mehr lesen als der Durchschnittsleser.
      Ja, ich fand es auch erschreckend, dass Brica in der Musikbranche totgeschwiegen wird, vor allem da sie ja mit namhaften anderen Dirigenten zu tun hatte, da sollte man erwarten, dass sie irgendwann doch erwähnt wird. Naja, zum Glück gibt es nun das Buch von Maria Peters!

      Liebe Grüsse
      Anya

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  2. Guten Morgen Anya

    Das ist eine sehr ausdrucksstarke Besprechung von dir. Mein Interesse hast du geweckt. Ich finde es immer wieder beeindruckend, was manche Frauen auf die Beine gestellt haben, trotz der Steine die man ihnen in den Weg gelegt hat.

    Liebe Grüße von der Gisela

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    1. Danke dir, liebe Gisela!
      Ja, wenn man gewisse Dinge liest (auch z.B. in "Lehrerin einer neuen Zeit") denkt man, wir haben es heutzutage ja geradezu leicht, obwohl es oft immer noch nicht gleich einfach ist wie als Mann.
      Liebe Grüsse
      Anya

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