Freitag, 21. Juni 2024

Sommerzauber von Katharina Herzog (Das kleine Bücherdorf 4)

Klappentext:
Vintage-Mode und Bücher – das sind die zwei großen Leidenschaften im Leben von Ann Webster. In ihrer Boutique verkauft sie nicht nur wunderschöne Secondhandcouture, jedem Kleidungsstück liegt auch die Geschichte seiner früheren Besitzerinnen bei. Was niemand wissen darf: Ann schreibt heimlich unter Pseudonym ziemlich pikante Liebesromane! Als ein großer Verlag auf Ann aufmerksam wird, ist sie überglücklich. Doch die Lektorin möchte ausgerechnet, dass sie die Geschichte des unverkäuflichen Brautkleides in ihrem Schaufenster erzählt. Und somit auch die Geschichte von ihr und Ray, der ihr vor vielen Jahren das Herz gebrochen hat und der nun nach Swinton gekommen ist, weil er die stillgelegte Whisky-Destillerie wiedereröffnen will. Ann muss sich der Vergangenheit stellen, wenn ihr Traum vom Glück wahr werden soll.


Auf die Geschichte mit dem Hochzeitskleid war ich ja seit Band 1 gespannt. Nun endlich erzählt Ann, wieso dieses Kleid unverkäuflich ist - und auch unausleihbar, denn ihre Tochter Isla, die bald heiratet, würde das gerne in diesem Kleid tun und versteht nicht, wieso sich ihre Mutter nicht umstimmen lässt.

Doch nicht nur Anns Geschichte mit diesem Kleid ist ein Geheimnis, auch, dass Ann heimlich als Autorin arbeitet und unter Pseudonym veröffentlicht. Mit ihrem neuen Buch gelangt sie gleich in die Bestsellerliste und ruft Neid von einer etablierten Autorin hervor. Das ist längst nicht alles, was Ann beschäftigt: dass ihre Jugendliebe Ray Islas Chef ist und nun in Swinton ein Manor als Hotel eröffnet, und sie von einem Verlag angefragt wird, ein Buch über die Geschichten ihrer Kleider zu schreiben.

Anns Umgang mit dieser Anfrage fand ich nicht glaubhaft, bzw. auch das Verhalten des Verlags. Da niemand weiss, dass Ann tatsächlich Bücher schreibt, hätte sie Hintergrundinfos bekommen sollen von der Lektorin. Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass Ann weiss, was ein Exposé ist und ähnliches. Das kann sie aber nicht, da sie offiziell ja nur jeweils ein paar Zeilen zu den Kleidern in ihrem Laden schreibt und nicht mehr. Und dann fand ich Isla, die in den vorherigen Büchern sympathisch rüberkam, sehr fordernd und gar nicht mehr sympathisch in diesem letzten Band. 

Schön war, den einen und anderen Figuren aus den anderen Bänden wieder zu begegnen - da war ja wieder enorm viel los in Swinton! Am allerschönsten allerdings war die Geschichte zu dem Brautkleid, das was passierte, bevor es in der Truhe lag, die Ann erwarb. Das war sehr berührend und dazu hätte ich gerne noch mehr gelesen. Anns eigene Geschichte war okay, hat mich aber nicht so angesprochen, zwischendurch hatte ich Mitleid mit Ray. 

Ein grosses Plus ist Katharina Herzogs Schreibstil. Der ist einnehmend wie immer, weshalb man auch trotz der oben genannten Ungereimtheiten schnell durch den Roman fliegt. 

Fazit: Kaum zu glauben, dass die Besuche in Swinton nun enden. Auch wenn mich nicht alles überzeugte, "Sommerzauber" ist ein guter Abschluss. 
Knappe 4 Sterne.


Reihenfolge:

Krimi: Bretonische Sehnsucht von Jean-Luc Bannalec (Georges Dupin 13)

Klappentext:
Am äußersten Rand der Bretagne, inmitten des gewaltigen Atlantiks, liegt die tiefgrüne Insel Ouessant. Dort soll Kommissar Dupin im Spezialauftrag des Präfekten einen mysteriösen Tod aufklären. Ein keltischer Musiker wurde am Ufer angeschwemmt. In seinem Haus entdeckt die Polizei einen Hinweis, der mit einem uralten dunklen Ritus in Verbindung gebracht wird. Doch die eingeschworene Gemeinschaft der abgelegenen Insel erschwert Dupin das Ermitteln – Sirenen, Priesterinnen und Geschichtenerzählerinnen leben hier abseits der Norm und wissen: Auf das Unsichtbare kommt es an. Und Dupin stellt sich der beinahe unlösbaren Aufgabe, herauszufinden, was das sein könnte.

Eigentlich ist man sich als Leser*in dieser Reihe bretonische Sagen und Mythengeschichten gewohnt. Hier in Band 13 kommen sie gleich zu Beginn gehäuft vor.  Praktisch ausschliesslich auf den ersten 57 Seiten - und wer dachte, dafür sei Riwal verantwortlich, liegt falsch. Der kommt nämlich erst jetzt ins Spiel und die nächsten 12 Seiten geht es weiter im Takt. Riwal will ja nur wissen, ob Dupin alles richtig verstanden hat. Dupin mag nicht mehr und ist müde. Ich musste mich ihm anschliessen - mir war diese geballte Ladung an bretonischen Legenden eindeutig zu viel aufs Mal. 

Zum Glück starteten nun endlich die Ermittlungen und es wurde interessanter. Dupin und Riwal sind auf der Insel mit dem E-Bike unterwegs. Der Fall um den toten Musiker ist kurios, ein allfälliges Motiv unklar. Geschickt baut Jean-Luc Bannalec die Spannung auf und man erfährt immer mehr über die Personen, die auf der Insel leben. 

Die Ermittler haben es mit der Bürgermeisterin, einer Druidin und einer Gruppe Musikerinnen zu tun. Als männlicher Ausgleich dient der Inselpfarrer. Vor allem die Druidin macht es Dupin nicht leicht, sie scheint immer einen Schritt vor ihm zu sein. 

Die Atmosphäre auf der Insel ist nicht nur magisch, sondern auch von den Gezeiten geprägt. Bildhaft wie immer beschreibt Bannalec das Leben auf der Insel mit all seinen Vor- und Nachteilen. 

Dupins Fälle sind immer abwechslungsreich und die Schauplätze wechseln regelmässig, der Schreibstil angenehm und der Plot gut aufgebaut - das gefällt mir an der Reihe gut. Die Auflösung dieses Falles war okay, begeistert war ich allerdings nicht. Dieses Mal war es zu viel des Guten - und für einmal ist nicht Rival Schuld an der (über) geballten Ladung an Mystik, die man hier verdauen muss. 

Fazit: "Bretonische Sehnsucht" hat mich vor allem wegen der vielen Mystik, die den ganzen Band umfasst, weniger überzeugt als andere Fälle. 
3.5 Sterne.


Donnerstag, 20. Juni 2024

Forgotten Garden von Sharon Gosling

Klappentext:
Luisa hat sich aus dem Leben zurückgezogen – sie leidet unter ihrer unerträglichen Chefin, hat ihren Traumjob als Landschaftsarchitektin abgeschrieben und trauert immer noch um ihren Mann, den sie vor vielen Jahren verloren hat. Eines Tages erhält sie ein Angebot, das sie aus ihrem grauen Alltag befreit: In Collaton, einem Küstenort im Nordwesten Englands, soll sie auf einem verwilderten Stück Land einen Gemeinschaftsgarten anlegen, wie sie es sich immer gewünscht hat. Schnell wird Luisa klar, dass sie eine Menge Arbeit erwartet. Nicht nur muss sie das karge Grundstück in einen Garten verwandeln, sondern auch die Anwohner von ihrem Vorhaben überzeugen. Aber Cas und Harper, ein örtlicher Lehrer und sein Schützling, sind ihr eine große Hilfe. Und als die ersten Pflanzen aus dem Boden sprießen, kommen immer mehr Helfer, die Zuflucht im Gemeinschaftsgarten finden. Doch nicht alle Dorfbewohner können sich für das Projekt erwärmen, und auch Luisa zweifelt, ob dieser Neuanfang eine gute Idee war. Sie muss sich entscheiden. Wie will sie ihre Zukunft verbringen – und vor allem: mit wem?


Nach den zwei ersten Romanen von Sharon Gosling, die mir sehr gut gefallen haben, hab ich blindlings zu ihrem neuen, dritten Roman gegriffen. Ich hätte aber abwarten sollen, denn diese Geschichte hat mich leider nicht angesprochen. Sharon Gosling war meine Autorinnen-Neuentdeckung im 2023, denn da hab ich "Fishergirl's Luck" und "Lighthouse Bookshop" direkt nacheinander verschlungen und war vor allem von "Fishergirl's Luck" begeistert. Dass ich einige Monate später enttäuscht würde, hätte ich mir da noch nicht vorstellen können. 

Schuld daran ist, dass nicht - wie im Klappentext angegeben - Luisa, die in Collaton einen Gemeinschaftsgarten anbauen will, die Hauptrolle hat, sondern das Augenmerk viel stärker auf dem Teenagermädchen Harper als auf Luisa liegt. Ich will keinen Jugendroman lesen, doch genau das habe ich hier bekommen. 

Während Luisa über die meiste Zeit sehr blass bleibt, lernt man Harper sehr genau kennen. Sie ist clever, kommt aber aus einer kaputten Familie und sorgt sich um ihren kleinen Bruder Max. Um Hilfe anzunehmen ist Harper viel zu stolz, weshalb sie auf Abwege gerät. 

Cas, Lehrer an der örtlichen Schule und Leiter eines Jugendraumes, der Boxkurse anbietet, bleibt auch auf der Strecke, weil Harper einfach zu viel Platz einnimmt. 

Die Geschichte hätte für mich auch bestens ohne Harper, oder nur mit Harper in der Nebenrolle, funktioniert. Dafür hätte man Max noch mehr an die Gartenstory einbinden können. Und stattdessen Luisa und Cas mehr Raum gegeben. Denn erst waren sie auf Abstand aus, dann ging alles blitzschnell.

Der Schreibstil ist ansonsten gewohnt flüssig und die Geschichte wird nie langweilig. Für mich war sie ein wenig zu überladen und das Verhältnis von Erwachsenen und Jugendlichen stimmte einfach nicht. 

Fazit: Wer gerne Romane mit Jugendlichen als Hauptfigur liest, wird hier nicht enttäuscht. Alle anderen greifen lieber zu den ersten beiden Romanen von Sharon Gosling. 
3.5 Sterne. 


TTT Top Ten Thursday 20.06.24 - Zähle mit Buchtiteln von 1 bis 10

Top Ten Thursday" ist eine Aktion von Aleshanee von Weltenwanderer. Jeden Donnerstag stellt sie eine Frage, zu der man als Antwort Bücherlisten mit 10 Buchtitel, Buchcover oder ähnlichem erstellt. 



Zähle mit deine Buchtiteln von 1 bis 10 

Erst dachte ich, ich hätte keine Chance, doch dann hab ich bis auf "Eins" und "Sechs" alle Bücher gefunden, teilweise hätte ich auch noch mehr Titel gehabt. Bei "Eins" kam mir zwar der Titel von Janet Evanovich schnell in den Sinn, weil ich das schon ewig her mal gelesen habe, doch ich hatte ihn nicht gespeichert. Ausnahmsweise hab ich ihn runtergeladen, ebenso das Kinderbuch "Die magischen Sechs" - das Buch steht nicht bei mir im Regal, sondern im Teeniezimmer. 





Bis auf "Die magischen Sechs" und "Zehn Wünsche für Alfred" hab ich alle Bücher gelesen. Letzteres hab ich mal begonnen und schnell abgebrochen, es war nicht die richtige Zeit. Vielleicht versuch ich es nochmals damit. 

Habt ihr alle 10 getroffen? 



Donnerstag, 13. Juni 2024

Top Ten Thursday 13.06.24 - Zeige zehn gelbe Cover

Top Ten Thursday" ist eine Aktion von Aleshanee von Weltenwanderer. Jeden Donnerstag stellt sie eine Frage, zu der man als Antwort Bücherlisten mit 10 Buchtitel, Buchcover oder ähnlichem erstellt. 



Zeige zehn Bücher, mit einem hauptsächlich gelben Cover

Ich hoffe, ich habe jetzt auch wirklich mehrheitlich gelbe Cover ausgewählt. Auf dem Bildschirm sieht es ziemlich gelb aus, aber ob die Printausgaben dann auch gelb oder eher orange sind, weiss ich nicht. Drei Titel (Sommerzauber, The Unhoneymooners und die kleine Bucht in Kroatien) meiner heutigen Auswahl hab ich gelesen, die anderen liegen auf dem SuB oder der Merkliste. 





Kennt ihr einige dieser Bücher?

PS: Meine Stöberrunde werde ich wie letzte Woche erst am Montag machen können.

Montag, 10. Juni 2024

Die Hoffnung der Chani Kaufman von Eve Harris (Chani Kaufman 2)

Klappentext:
Chani hat es geschafft. Sie hat den Mann geheiratet, den sie sich ausgesucht hat – nicht selbstverständlich, wenn man in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde lebt. Und was nun? ›Seid fruchtbar und mehret euch‹, natürlich, aber genau das funktioniert eben nicht. Chani ist verzweifelt, denn ihr Mann Baruch kann sie verstoßen, wenn sie ihm keine Nachkommen schenkt. Und wer wäre sie dann noch unter ihresgleichen? Zwischen Rabbi, Fruchtbarkeitsklinik und ihrer Schwiegermutter muss Chani ›HaSchem‹ ein Schnippchen schlagen.




Den ersten Roman über Chani Kaufman hatte ich seit dem ET vor neun Jahren auf die Seite gelegt - jetzt als überraschend ein zweiter Band erschien, hab ich ihn endlich gelesen. Im Nachhinein war meine Entscheidung perfekt, denn weil ich so lange damit gewartet habe mit dem Lesen von Band 1, konnte ich direkt im Nachfolger weiter lesen. Ich war also voll up to date mit den Ereignissen aus "Die Hochzeit der Chani Kaufman" und kann sagen, dass es genau so spannend weiter geht und erst noch ohne grosse zeitliche Pause, ein Jahr später um genau zu sein.

Wer den ersten Band noch nicht kennt, sollte zuerst jenen lesen, damit man Vorkenntnisse der Geschehnisse hat, um die Lebenssituationen der Charakter richtig zu verstehen.

Chani und Baruch leben mittlerweile in Jerusalem, wo Baruch weiterstudiert. Genauso wie Avromi, der Sohn von Rivka. Avromis Gedankenkarussell war nur kurzzeitig verstummt, eher unterdrückt, so lange, bis er sich in Jerusalem eingelebt hat. Doch er kann sein Erlebnisse mit Shola nicht vergessen, auch dass seine Mutter die Gemeinde verlassen hat, beschäftigt ihn. Aber mehr noch steht die Frage im Raum, ob er "das alles" - der Besuch der Jeschiwa, fromm leben u.v.m. - überhaupt will. Sein Rektor schickt ihn zur Erholung nach Tel Aviv, wo Avromi ein nettes, älteres Ehepaar kennenlernt, das nicht so streng orthodox lebt. Der Mann ist ebenfalls Rabbi wie Avromis Vater, aber viel milder und grosszügiger. Kommt Avromi in Tel Aviv zur Ruhe, um sich zu überlegen, wie und wo es für ihn weitergehen soll?

Chani und Baruch fliegen zurück nach London, um sich in einer Klinik behandeln zu lassen, da Chani auch ein Jahr nach ihrer Heirat noch nicht schwanger wurde. Hier wird sichtbar, wie wenig die Levys vom biologischen Ablauf des Kinderkriegens wissen.

Mrs Levy hingegen freut sich schon, denn sie hofft auf eine Scheidung. Damit das schneller geht, "hilft" sie mit - und legt sich erneut wieder mit Mrs Gelbman, der Hochzeitsvermittlerin, an. 

Rivka, die nun ausserhalb der Gemeinde, alleine in einer kleinen Wohnung wohnt und im Supermarkt arbeitet, möchte gerne ihre Kinder sehen. Doch die Tochter will nicht und der jüngste Sohn darf nicht, denn Chaim und die Tochter halten ihn davon ab. Rivkas Mutterherz bricht, immerhin telefoniert sie oft mit Avromi. Bald jedoch bekommt sie Aussteiger-Hilfe angeboten, doch ob sie diese annehmen wird?

Chaim kommt kaum zum Nachdenken, um eine Lösung zu suchen, wie Rivka wieder zu Hause leben könnte, ohne in der Gemeinde zu sein, oder sich zu überlegen, wie er damit umgehen will, denn er liebt Rivka immer noch. Schnell, zu schnell, wird ihm Feuer unter dem Hintern gemacht. Der Rabbinerrat "rät" ihm zur Scheidung und dazu, danach sofort wieder zu heiraten. 

Auch dieser Roman von Eve Harris konnte mich wieder fesseln. Die verschiedenen Nuancen vom "Glauben leben" fand ich sehr gut dargestellt. Manchmal sind es nur kleinste Unterschiede, die aber so viel ausmachen. Harris beschreibt die zwiespältigen Gefühle ihrer Charaktere sehr genau und zeigt verschiedene mögliche Wege auf. Die Szenen sind manchmal sehr emotional, manchmal witzig, und immer unterhaltend und interessant. Besonders die Entwicklung von Chaim fand ich spannend, ganz tief innen wüsste er was er will, aber er traut sich noch nicht. Hätte er mehr Zeit bekommen, hätte er sich wahrscheinlich anders entschieden als hier aufgezeigt wird. 

Mir gefiel, dass die Autorin auch hier in "Die Hoffnung der Chani Kaufman" viele Enden zwar abgeschlossen, aber doch auch offen liess. Deshalb könnte ich mir gut eine weitere Fortsetzung vorstellen, um zu sehen, wie es all den Figuren in etwa zehn Jahren geht. Aber bitte nicht erst in zehn Jahren :-)

Fazit: Eine absolut gelungene Fortsetzung, die ich verschlungen habe. 
5 Sterne.


Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris

Klappentext:
Sie haben sich dreimal gesehen, sie haben sich noch nie berührt, aber sie werden heiraten: die neunzehnjährige Chani Kaufman und der angehende Rabbiner Baruch Levy. Doch wie geht Ehe, wie geht Glück? Eine fast unmögliche Liebesgeschichte in einer Welt voller Regeln und Rituale.







Es gibt den falschen Zeitpunkt um ein Buch zu lesen. Und es gibt den richtigen Zeitpunkt. Der falsche Zeitpunkt war für mich bei ET dieses Buches. Ich freute mich damals drauf, dass endlich wieder mal ein Roman über das orthodoxe Judentum erscheint. Doch viele Menschen, die das Buch 2015 gelesen haben, kennen sich im Judentum nicht aus und schon gar nicht im orthodoxen Judentum, und waren deshalb begeistert, einmal einen Blick in die sonst sehr verborgene Welt zu erhaschen. Schnell wurde das Buch gehypt und für eine "ganz neue Sicht", etc. befunden - und ich ärgerte mich, denn es gab bereits Ende der 90er und Anfang der 2000er einige Romane und vor allem Filme darüber. Also nicht wirklich neu, nur für gewisse Menschen, die dieses Buch extrem lobten. So begann ich die ersten Seiten zu lesen und fand, Leute, das ist nichts Neues, sondern halt nur neu für euch. Nach 50 Seiten brach ich ab und legte das Buch zur Seite und wartete auf einen besseren Zeitpunkt. 

Dieser schien mir gekommen, als nun Anfang 2024 eine Fortsetzung erschien. Diesmal viel mir der Einstieg leichter, denn der Hype blieb beim zweiten Band aus und so hatte ich all diese "neu" und "faszinierend" schreienden Stimmen nicht um mich und konnte mich ganz auf "Die Hochzeit der Chani Kaufman" einlassen. 

Es ist fesselnd geschrieben, so dass ich mir sogar einige Stunden frei nahm, damit ich möglichst am Stück lesen konnte. Ich habe dabei auch auf die für viele vielleicht eher nebensächlicheren Sätze geschaut. Jene, die still daher kommen und in der es um die Geschichte des Judentums geht. Wahre Worte, die aktuell noch so viel mehr aussagen als damals, als die Autorin das Buch geschrieben hat.

In diesem Roman rzählt werden mehrere Geschichten, natürlich hauptsächlich jene der titelgebenden Chani Kaufman. Sie, die vierte Tochter der Kaufmans, sollte endlich heiraten. Heiraten ist ein Muss im chassidischen Judentum. Eigentlich will Chani das nicht oder zumindest nicht so, und die vom Schadchen bisher vermittelten Kandidaten passten ihr auch nicht. Für einige Kandidaten bzw. eher derer Familie kam Chani nicht in Frage, da sie bekannt ist für ihren eigenen Kopf. An einer Hochzeit bemerkt Chani, wie sie von einem jungen Mann beobachtet wird. Kurz darauf kommt ein "Angebot", ein Anruf der Heiratsvermittlerin Mrs Gelbman, und Chani lässt sich auf ein Treffen ein.

Der junge Mann ist Baruch Levy, der bisher nicht auf die Vorschläge seiner Mutter einging und jetzt darauf pocht, Chani kennenzulernen. Mrs Levy, die sich für was Besseres hält, will Levy davon abhalten, denn Chani passe nicht in ihre Familie. Als sie merkt, dass sie nicht gegen Baruch ankommt und auch Chani ihr die Stirn bietet, fährt sie scharfe Geschütze auf und versucht alles Mögliche, um die zwei von einer Heirat abzuhalten. Die Treffen mit Mrs Gelbmann, gegen die Mrs Levy ebenfalls nicht ankommt, ist herrlich zu lesen. 

Chani trifft sich vor der Hochzeit mit Rivka Zilberbaum, der Frau des Rabbi und Rebbetzin genannt, die ihr viele Pflichten einer Ehefrau darlegt. Von Rivka erfährt man, wie sie ihren Mann Chaim kennen gelernt hat, wie beide fromm wurden und wie sie langsam aber sicher durch all diese vielen Ge- und Verbote, die im chassidischen Judentum zu befolgen sind, eingeht. Wo bleibt die Liebe dazwischen? Bei einem einschneidenden Erlebnis kann sie nicht mehr und sie ringt mit sich, Chaim hört aber nicht wirklich zu.

Ihr ältester Sohn Avromi darf an der Uni Jura studieren und lernt hier zum ersten Mal das echte Leben kennen - und Frauen. Besonders von Shola, eine Angolanerin, fühlt er sich angezogen.

Eve Harris erzählt nun, wie alle mit ihren Situationen umgehen, mit welchen Gedanken sie umgeben sind, bei den jüngeren Charakteren sind es zum Beispiel unbeantwortete Fragen betreffend Sexualität. Bei Chanis Mutter und auch bei Rivka stellen sich sich fast schon Depressionen ein, beide gehen anders damit um, und Rivka stellt ihre Familie auf die Probe.

"Die Hochzeit der Chani Kaufman" ist ein fesselnder Roman über eine bis zwei Handvoll Menschen, die alle anders mit ihrem teilweise vorgegebenen Lebensweg umgehen. Einige davon stellen Fragen, wagen zu denken, "was wäre wenn", andere wiederum, die die Fragenden nicht verstehen wollen oder können. 

Eve Harris bringt alles auf den Punkt, schreibt einfühlend, ehrlich, aber auch humorvoll. 

Fazit: Toll erzählt! 
5 Sterne.