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Mittwoch, 19. Februar 2025

Eine ganze Welt von Goldie Goldbloom

Klappentext:
Eine Frau am Wendepunkt. Ein Geheimnis, das sie von allen trennt, die ihr wichtig sind. Und die Möglichkeit, mit viel Verständnis füreinander Brücken zu schlagen. Surie Eckstein erfüllt ihr Leben als Oberhaupt einer Großfamilie. Sie erwartet gerade ihr erstes Urenkelkind, als eine Katastrophe eintritt – oder ist es ein Gottesgeschenk? Mit 57 Jahren ist sie noch einmal schwanger - mit Zwillingen! Plötzlich fühlt sich Surie, in der chassidischen Gemeinde von Brooklyn hochangesehen und ständig von Menschen umgeben, völlig allein. Nicht einmal Yidel, der nicht nur ihre große Liebe, sondern auch ihr bester Freund ist, wagt sie sich anzuvertrauen, so groß ist ihre Scham. Denn was sollen bloß die Leute denken? Zum ersten Mal stellt Surie die starren Regeln infrage, die ihr ganzes Leben geprägt haben.


Dieser Roman lag schon länger auf meiner Merkliste, nun habe ich es endlich geschafft ihn zu lesen. Geschafft - bin auch ich, das war zeitweise echt ein richtiges Durchbeissen. Und zwar nicht wegen dem gewöhnungsbedürftigem schnellen Schreibstil, auch nicht aufgrund dem oft eingestreutem Jiddisch (das ich recht gut verstehe) oder den unzähligen Regeln und Ritualen (die mir bekannt sind), die Menschen in Suries ultraorthodoxer Gemeinde befolgen, sondern leider aus anderen Gründen. Da ich meine Kritik benennen möchte und sie nicht umschreiben kann, gibt es an dieser Stelle einen Spoileralarm.

Nein, das Obengenannte machte mir nichts aus, aber mit Protagonistin Surie wurde ich erstens nicht warm und zweitens fand ich, dass Autorin Goldie Goldbloom viel zu viel reinschmiss in ihren Plottopf. Zu viele Köche/Themen verderben den Brei/Roman. Zudem waren sämtliche Charaktere nicht greifbar und jedes aufgenommene Thema ein Drama für sich - das war ein Fass ohne Boden.

Nein, es reichte nicht, dass Surie nach 13 Jahren mit 57 Jahren nochmals schwanger wird, es musste auch gleich eine Schwangerschaft mit Zwillingen plus ein vor wenigen Jahren überstandener Brustkrebs samt beidseitiger Brustamputation mit drin sein. Es reichte auch nicht, dass unter ihren zehn Kindern die älteste Tochter, die mit ihren Kindern im selben Haus lebte, anscheinend frommer war als ihre Eltern und ausschliesslich in Suries Gedanken garantiert kein Verständnis für die erneute Schwangerschaft habe (wie sämtliche Nachbarn und Frauen in der Gemeinde angeblich auch nicht, alles nur in Suries Kopf). 

Dann noch der eine Sohn, der sich im falschen Körper fühlte und wegzog. Das Verständnis für Menschen wie ihn ist in ihrer Gemeinde nicht vorhanden und so muss auch Surie ihn totschweigen. Tot, das ist er seit mehreren Jahren, da er sich nicht verstanden fühlte und sein Leben selbst beendete - gleich nochmals ein Sakrileg. Trauern um ihn durfte Surie nicht. Jetzt bricht das alles aus ihr heraus, bzw. eben nicht, denn sie behält alles für sich selbst, macht alles mit sich selbst aus und getraut sich nicht, sich irgendjemandem zu öffnen, auch nicht ihrem Mann, obwohl er als liebevoller und verständlicher Mensch beschrieben wird und die Liebe auch nach 49 Jahren noch vorhanden ist. In ihr brodelt es wie in einem Vulkan. Oder wie in einem Wal, der bald zu explodieren droht. Sorry für diesen Vergleich, aber extremst übergewichtig sei Surie halt auch, wie es immer wieder und wieder erwähnt wird. Gähn.

Das Gären in ihr wird seitenweise erzählt. Auch dies viel zu oft. Thematisch war das aber noch längst nicht alles, da kam unter anderem auch ein minderjähriges Mädchen aus ihrer Gemeinde ins Spiel, das Surie im Spital trifft. Meiner Meinung nach hat sich die Autorin total verzettelt.

Die Geschichte hätte auch nur mit einem einzigen Thema funktioniert, sogar viel besser. Zum Beispiel Suries Kontakt mit der Hebamme und ihrem Annähern an medizinisches Wissen. Dieser Austausch und das Erklären beiderseits (Wissen auf der einen, Rituale und Regeln auf der anderen Seite) hätte für ein bisschen Verständnis und ein gegenseitiges Annähern gesorgt, das in der heutigen Zeit notwendig wäre. So ein Roman hätte sicher auch einen Mehrwert für Aussteigerinnen aus Suries und anderen engen Gemeinden gehabt. 

Das gelang hier leider gar nicht, denn obwohl ein minimaler Ansatz vorhanden gewesen wäre, war schlicht kein Platz für mehr davon. Deswegen leider kein Lesevergnügen, da die Autorin "Eine ganze Welt" zwischen die Buchdeckel pressen wollte. 

Fazit: Eine viel zu überladene, düstere und zu dramatische Geschichte und deshalb nur 2 Sterne.



Sonntag, 5. Januar 2025

Weihnachten: Drei Feiertage und eine Hochzeit von Usma Jalaluddin und Marissa Stapley

Klappentext:
Als im Dezember 2000 Weihnachten, Chanukka und das Zuckerfest in denselben Zeitraum fallen, ist fast die ganze Welt unterwegs zu ihren Liebsten. Anna möchte zu ihrem Freund und dessen Eltern reisen. Maryam ist mit ihrer Familie auf dem Weg zur Hochzeit ihrer Schwester. Doch das Flugzeug, in dem sie alle sitzen, muss notlanden. Und so stranden sie in der Kleinstadt Snow Falls. Dort finden gerade Dreharbeiten für einen romantischen Weihnachtsfilm statt, in dem zufällig Annas Lieblingsschauspieler die Hauptrolle hat. Währenddessen versucht Maryam alles, um die Hochzeit ihrer Schwester zu retten. Und sie muss sich mit ihren Gefühlen für einen ganz bestimmten Mann auseinandersetzen. Auf sie alle warten drei Feiertage, die sie so leicht nicht vergessen werden.


Auf den ersten Seiten war ich genervt von bereits bekannten Szenen aus Filmen, die hier auf die Protagonistinnen umgewandelt wurden. Auch der Buchtitel ist einem bekannten Film sehr ähnlich. Fast hätte ich das Buch aus der Hand gelegt, doch ich wollte unbedingt wissen, wie die Autorinnen die drei Feiertage darstellen, weshalb ich dann doch weiter las. Schlussendlich war ich froh darüber, doch von Anfang an:

Anna soll die Feiertage mit ihrem relativ neuen Freund bei seinen Eltern in Kanada verbringen. Da sie später als er fliegt und direkt zu einem Gala-Event soll, ist sie entsprechend gekleidet - sprich ziemlich unpassend zum Wetter - und nur mit Handgepäck ausgerüstet. 

Maryams jüngere Schwester will unbedingt und kurzfristig an Weihnachten heiraten. Deshalb hat Maryam alles organisiert und fliegt nun mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft der Brautseite zusammen nach Toronto zur Familie des Bräutigams. Das einzige entspannte Familienmitglied ist Dadu, Maryams Grossvater, ein früherer Regisseur von Bollywood-Filmen. Noch mehr "Film" ist später im Roman enthalten, weshalb ich die ersten Szenen im Nachhinein zwar immer noch nicht gut finde, aber immerhin verstehen konnte.

Unter nicht so positiven Umständen lernen sich Anna und Maryam bereits am Flughafen kennen. Dass sie im Flugzeug nebeneinander sitzen, fand anfangs keine von ihnen gut, doch da beide Flugangst haben, kommen sie sich ein wenig näher, erzählen einander von ihren Ängsten und Sorgen.

Aufgrund der prekären Wetterverhältnisse und des Jahrhundert-Schneefalls müssen sie in der Kleinstadt Snow Falls notlanden und werden dort in einem Hotel untergebracht. Schwierig für Maryams Familie, da sie noch die letzten Tage Ramadan haben und fasten. Anne erlebt einen witzigen Pub-Abend, bevor sie ihr unrenoviertes Hotelzimmer bezieht. Nur für eine Nacht - das sollten sie alle überstehen, denken sie. Doch das Wetter macht ihnen erneut einen Strich durch die Rechnung und sie müssen noch länger in Snow Falls bleiben.

Diese Kleinstadt entpuppt sich als kleines, friedliches Juwel, das alle Figuren früher oder später überraschen wird. Bei einigen Szenen fragte ich mich jedoch, ob die tatsächlich so passieren können, wenn doch so dermassen viel Schnee liegt und der Schneefall noch nicht vorbei ist. Auf einer Parkbank sitzen und essen, wäre so ein Beispiel.

Ich war gespannt, wie die Autorinnen die drei Feiertage, das islamische Eid al Fitr (auch unter dem Namen "Zuckerfest" bekannt), das christliche Weihnachtsfest und das jüdische Chanukka-Fest zusammenbringen. Obwohl nur Grundsätzliches darüber erzählt wird, ist es ihnen sehr gut gelungen. Das gegenseitige Verständnis und der Respekt gegenüber der anderen Religionen zeichnet die Charaktere und die Kleinstadtbewohner aus. 

Meine Lieblingscharaktere waren für einmal nicht die Protagonistinnen, sondern Dadu, Maryams und Shaimas Grossvater, und Josh Tannenbaum. Weder mit Maryam noch mit Anna bin ich sehr warm geworden, aber bei den beiden unsicheren Frauen ist eine deutliche Entwicklung sichtbar. 

Fazit: Nach ersten klischeehaften Szenen entwickelt sich der Roman zu einer schönen und unterhaltenden Geschichte, die ich mir aufgrund vieler filmreifen Szenen sehr gut verfilmt vorstellen kann. Den Film würde ich mir zu Weihnachten sicherlich ansehen.  
4 Sterne. 


Montag, 10. Juni 2024

Die Hoffnung der Chani Kaufman von Eve Harris (Chani Kaufman 2)

Klappentext:
Chani hat es geschafft. Sie hat den Mann geheiratet, den sie sich ausgesucht hat – nicht selbstverständlich, wenn man in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde lebt. Und was nun? ›Seid fruchtbar und mehret euch‹, natürlich, aber genau das funktioniert eben nicht. Chani ist verzweifelt, denn ihr Mann Baruch kann sie verstoßen, wenn sie ihm keine Nachkommen schenkt. Und wer wäre sie dann noch unter ihresgleichen? Zwischen Rabbi, Fruchtbarkeitsklinik und ihrer Schwiegermutter muss Chani ›HaSchem‹ ein Schnippchen schlagen.




Den ersten Roman über Chani Kaufman hatte ich seit dem ET vor neun Jahren auf die Seite gelegt - jetzt als überraschend ein zweiter Band erschien, hab ich ihn endlich gelesen. Im Nachhinein war meine Entscheidung perfekt, denn weil ich so lange damit gewartet habe mit dem Lesen von Band 1, konnte ich direkt im Nachfolger weiter lesen. Ich war also voll up to date mit den Ereignissen aus "Die Hochzeit der Chani Kaufman" und kann sagen, dass es genau so spannend weiter geht und erst noch ohne grosse zeitliche Pause, ein Jahr später um genau zu sein.

Wer den ersten Band noch nicht kennt, sollte zuerst jenen lesen, damit man Vorkenntnisse der Geschehnisse hat, um die Lebenssituationen der Charakter richtig zu verstehen.

Chani und Baruch leben mittlerweile in Jerusalem, wo Baruch weiterstudiert. Genauso wie Avromi, der Sohn von Rivka. Avromis Gedankenkarussell war nur kurzzeitig verstummt, eher unterdrückt, so lange, bis er sich in Jerusalem eingelebt hat. Doch er kann sein Erlebnisse mit Shola nicht vergessen, auch dass seine Mutter die Gemeinde verlassen hat, beschäftigt ihn. Aber mehr noch steht die Frage im Raum, ob er "das alles" - der Besuch der Jeschiwa, fromm leben u.v.m. - überhaupt will. Sein Rektor schickt ihn zur Erholung nach Tel Aviv, wo Avromi ein nettes, älteres Ehepaar kennenlernt, das nicht so streng orthodox lebt. Der Mann ist ebenfalls Rabbi wie Avromis Vater, aber viel milder und grosszügiger. Kommt Avromi in Tel Aviv zur Ruhe, um sich zu überlegen, wie und wo es für ihn weitergehen soll?

Chani und Baruch fliegen zurück nach London, um sich in einer Klinik behandeln zu lassen, da Chani auch ein Jahr nach ihrer Heirat noch nicht schwanger wurde. Hier wird sichtbar, wie wenig die Levys vom biologischen Ablauf des Kinderkriegens wissen.

Mrs Levy hingegen freut sich schon, denn sie hofft auf eine Scheidung. Damit das schneller geht, "hilft" sie mit - und legt sich erneut wieder mit Mrs Gelbman, der Hochzeitsvermittlerin, an. 

Rivka, die nun ausserhalb der Gemeinde, alleine in einer kleinen Wohnung wohnt und im Supermarkt arbeitet, möchte gerne ihre Kinder sehen. Doch die Tochter will nicht und der jüngste Sohn darf nicht, denn Chaim und die Tochter halten ihn davon ab. Rivkas Mutterherz bricht, immerhin telefoniert sie oft mit Avromi. Bald jedoch bekommt sie Aussteiger-Hilfe angeboten, doch ob sie diese annehmen wird?

Chaim kommt kaum zum Nachdenken, um eine Lösung zu suchen, wie Rivka wieder zu Hause leben könnte, ohne in der Gemeinde zu sein, oder sich zu überlegen, wie er damit umgehen will, denn er liebt Rivka immer noch. Schnell, zu schnell, wird ihm Feuer unter dem Hintern gemacht. Der Rabbinerrat "rät" ihm zur Scheidung und dazu, danach sofort wieder zu heiraten. 

Auch dieser Roman von Eve Harris konnte mich wieder fesseln. Die verschiedenen Nuancen vom "Glauben leben" fand ich sehr gut dargestellt. Manchmal sind es nur kleinste Unterschiede, die aber so viel ausmachen. Harris beschreibt die zwiespältigen Gefühle ihrer Charaktere sehr genau und zeigt verschiedene mögliche Wege auf. Die Szenen sind manchmal sehr emotional, manchmal witzig, und immer unterhaltend und interessant. Besonders die Entwicklung von Chaim fand ich spannend, ganz tief innen wüsste er was er will, aber er traut sich noch nicht. Hätte er mehr Zeit bekommen, hätte er sich wahrscheinlich anders entschieden als hier aufgezeigt wird. 

Mir gefiel, dass die Autorin auch hier in "Die Hoffnung der Chani Kaufman" viele Enden zwar abgeschlossen, aber doch auch offen liess. Deshalb könnte ich mir gut eine weitere Fortsetzung vorstellen, um zu sehen, wie es all den Figuren in etwa zehn Jahren geht. Aber bitte nicht erst in zehn Jahren :-)

Fazit: Eine absolut gelungene Fortsetzung, die ich verschlungen habe. 
5 Sterne.


Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris

Klappentext:
Sie haben sich dreimal gesehen, sie haben sich noch nie berührt, aber sie werden heiraten: die neunzehnjährige Chani Kaufman und der angehende Rabbiner Baruch Levy. Doch wie geht Ehe, wie geht Glück? Eine fast unmögliche Liebesgeschichte in einer Welt voller Regeln und Rituale.







Es gibt den falschen Zeitpunkt um ein Buch zu lesen. Und es gibt den richtigen Zeitpunkt. Der falsche Zeitpunkt war für mich bei ET dieses Buches. Ich freute mich damals drauf, dass endlich wieder mal ein Roman über das orthodoxe Judentum erscheint. Doch viele Menschen, die das Buch 2015 gelesen haben, kennen sich im Judentum nicht aus und schon gar nicht im orthodoxen Judentum, und waren deshalb begeistert, einmal einen Blick in die sonst sehr verborgene Welt zu erhaschen. Schnell wurde das Buch gehypt und für eine "ganz neue Sicht", etc. befunden - und ich ärgerte mich, denn es gab bereits Ende der 90er und Anfang der 2000er einige Romane und vor allem Filme darüber. Also nicht wirklich neu, nur für gewisse Menschen, die dieses Buch extrem lobten. So begann ich die ersten Seiten zu lesen und fand, Leute, das ist nichts Neues, sondern halt nur neu für euch. Nach 50 Seiten brach ich ab und legte das Buch zur Seite und wartete auf einen besseren Zeitpunkt. 

Dieser schien mir gekommen, als nun Anfang 2024 eine Fortsetzung erschien. Diesmal viel mir der Einstieg leichter, denn der Hype blieb beim zweiten Band aus und so hatte ich all diese "neu" und "faszinierend" schreienden Stimmen nicht um mich und konnte mich ganz auf "Die Hochzeit der Chani Kaufman" einlassen. 

Es ist fesselnd geschrieben, so dass ich mir sogar einige Stunden frei nahm, damit ich möglichst am Stück lesen konnte. Ich habe dabei auch auf die für viele vielleicht eher nebensächlicheren Sätze geschaut. Jene, die still daher kommen und in der es um die Geschichte des Judentums geht. Wahre Worte, die aktuell noch so viel mehr aussagen als damals, als die Autorin das Buch geschrieben hat.

In diesem Roman rzählt werden mehrere Geschichten, natürlich hauptsächlich jene der titelgebenden Chani Kaufman. Sie, die vierte Tochter der Kaufmans, sollte endlich heiraten. Heiraten ist ein Muss im chassidischen Judentum. Eigentlich will Chani das nicht oder zumindest nicht so, und die vom Schadchen bisher vermittelten Kandidaten passten ihr auch nicht. Für einige Kandidaten bzw. eher derer Familie kam Chani nicht in Frage, da sie bekannt ist für ihren eigenen Kopf. An einer Hochzeit bemerkt Chani, wie sie von einem jungen Mann beobachtet wird. Kurz darauf kommt ein "Angebot", ein Anruf der Heiratsvermittlerin Mrs Gelbman, und Chani lässt sich auf ein Treffen ein.

Der junge Mann ist Baruch Levy, der bisher nicht auf die Vorschläge seiner Mutter einging und jetzt darauf pocht, Chani kennenzulernen. Mrs Levy, die sich für was Besseres hält, will Levy davon abhalten, denn Chani passe nicht in ihre Familie. Als sie merkt, dass sie nicht gegen Baruch ankommt und auch Chani ihr die Stirn bietet, fährt sie scharfe Geschütze auf und versucht alles Mögliche, um die zwei von einer Heirat abzuhalten. Die Treffen mit Mrs Gelbmann, gegen die Mrs Levy ebenfalls nicht ankommt, ist herrlich zu lesen. 

Chani trifft sich vor der Hochzeit mit Rivka Zilberbaum, der Frau des Rabbi und Rebbetzin genannt, die ihr viele Pflichten einer Ehefrau darlegt. Von Rivka erfährt man, wie sie ihren Mann Chaim kennen gelernt hat, wie beide fromm wurden und wie sie langsam aber sicher durch all diese vielen Ge- und Verbote, die im chassidischen Judentum zu befolgen sind, eingeht. Wo bleibt die Liebe dazwischen? Bei einem einschneidenden Erlebnis kann sie nicht mehr und sie ringt mit sich, Chaim hört aber nicht wirklich zu.

Ihr ältester Sohn Avromi darf an der Uni Jura studieren und lernt hier zum ersten Mal das echte Leben kennen - und Frauen. Besonders von Shola, eine Angolanerin, fühlt er sich angezogen.

Eve Harris erzählt nun, wie alle mit ihren Situationen umgehen, mit welchen Gedanken sie umgeben sind, bei den jüngeren Charakteren sind es zum Beispiel unbeantwortete Fragen betreffend Sexualität. Bei Chanis Mutter und auch bei Rivka stellen sich sich fast schon Depressionen ein, beide gehen anders damit um, und Rivka stellt ihre Familie auf die Probe.

"Die Hochzeit der Chani Kaufman" ist ein fesselnder Roman über eine bis zwei Handvoll Menschen, die alle anders mit ihrem teilweise vorgegebenen Lebensweg umgehen. Einige davon stellen Fragen, wagen zu denken, "was wäre wenn", andere wiederum, die die Fragenden nicht verstehen wollen oder können. 

Eve Harris bringt alles auf den Punkt, schreibt einfühlend, ehrlich, aber auch humorvoll. 

Fazit: Toll erzählt! 
5 Sterne.

Donnerstag, 9. November 2023

Die Kinder des Don Arrigo von Ivan Sciapeconi

Klappentext:
Abgeschottet in einem kleinen italienischen Dorf wartet der elfjährige Nathan auf eine Gelegenheit, das von den Nationalsozialisten verheerte Europa in Richtung Palästina zu verlassen. In der Villa Emma findet er zwischen den anderen jüdischen Kindern, denen die Flucht in den Süden gelungen ist, nicht nur Schutz, sondern etwas, das verloren schien: ein Stück Kindheit. Auf einem geborgten Klavier wird gemeinsam musiziert, Don Arrigo, der örtliche Pfarrer, hält seine schützende Hand über die kleine Gemeinschaft. Doch die Gefahr rückt näher, und Don Arrigo bekommt den Tipp, dass die Faschisten dem Treiben im Dorf auf die Schliche gekommen sind. Ein tollkühner Plan soll die Kinder retten, deren Überleben in den Händen der Gemeinde liegt.


Zum ersten Mal von Nonantola gelesen hab ich in "Die Glücksmalerin" von Cristina Caboni. Als ich dann sah, dass sich Ivan Sciapeconi im kürzlich erschienenen Roman "Die Kinder des Don Arrigo" dem Thema angenommen hat, wusste ich, dass ich dieses Buch lesen muss.

Der Autor erzählt darin die Geschichte des Dorfes Nonantola, bzw. dessen Bewohner auf Zeit, von 40 Kinder und Jugendlichen aus verschiedenen Ländern in Europa, die von den Nazis fliehen mussten. Ihr Ziel ist eigentlich das gelobte Land, doch es sollte noch lange dauern, bis sie Eretz Israel erreichen. 

Der Roman ist aus Sicht von Natan, der aus Deutschland flieht, geschrieben. Er berichtet von der abenteuerlichen und langen Flucht mit Stationen in Maribor, Zagreb und Horjul (in der Nähe von Ljubljana), bis die Kinder und Jugendlichen endlich in Italien ankommen, das damals als sicher galt. 

In der Nähe von Modena, im Dorf Nonantola, leben die jüdischen Kinder in der Villa Emma und organisieren sich grösstenteils selbst. Es wird berichtet, wie sie sich die Arbeit aufteilten, wie sie sich mit der Dorfjugend verstanden und vieles weitere mehr. Als alle denken, der Krieg wäre zu Ende, ist er es doch nicht und sie sind nun auch in Italien in Gefahr. Nun wird geschildert, wie das ganze Dorf mit anpackt, um die Geflüchteten zu verstecken und ihnen zu helfen, einmal mehr zu fliehen. 

Geschickt werden viele jüdische Lebensweisheiten und Sprichwörter eingeflochten. Auch, dass Natan versucht, sich die Namen der vielen Helfer zu merken, ist enorm eindrücklich, denn in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem werden die Namen vieler Helfer in der Allee der Gerechten auf Schildern festgehalten - damit sie und ihre guten Taten nicht vergessen werden. 

Es ist wichtig, dass nicht nur die Helfer in Erinnerung bleiben, nein auch Geschichten wie diese müssen präsent bleiben - gerade Angesicht dessen, dass die Welt aktuell zu vergessen scheint was nie wieder passieren, sich nie mehr wiederholen dürfte. 

Don Arrigo kommt erst später in der Geschichte vor. Schön, dass er titelgebend sein durfte; so bleibt auch er in Erinnerung. Im Original heisst der Roman jedoch "40 cappotti e un buttone" und ich bedauere, dass der Originaltitel, auf Deutsch "40 Mäntel und ein Knopf", nicht beibehalten wurde, denn diese Mäntel und der eine Knopf sagen sehr viel über die Zeit und das Miteinander in dem kleinen italienischen Dorf aus, sie sind bedeutsam.

Natürlich spielt Don Arrigo eine gewichtige Rolle, aber eben auch viele andere Menschen. Der Autor hat die unterschiedlichsten Charaktere sehr gut dargestellt, nicht nur die Bewohner von Nonantola, sondern vor allem Nathans Mutter, Vater und Onkel fand ich toll gezeichnet. Dadurch macht Sciapeconi sichtbar, wie unterschiedlich wir Menschen mit unseren divergenten Charaktereigenschaften und Lebenseinstellungen durchs Leben und vor allem durch so eine schwere Zeit gehen. 

Fazit: Absolut lesenswert! 
5 Punkte. 




Mittwoch, 30. November 2022

Das Fest der Liebe von Jean Meltzer

Klappentext: 
Dass sich hinter Margot Cross, einer Bestsellerautorin von über zwanzig Weihnachtsromanen, ausgerechnet Rachel Rubenstein-Goldblatt verbirgt, Tochter des berühmtesten Rabbis New Yorks, weiß keiner – am allerwenigsten ihre jüdische Familie. Doch als sich ihr Verlag eine Chanukka-Geschichte von ihr wünscht, gerät Rachels wohlbehütetes Doppelleben in Gefahr. Um weiter schreiben zu können, muss ihr eins gelingen: Sie muss eine Karte für die größte Chanukka-Party der Stadt ergattern, um Inspirationen zu sammeln. Das Dilemma: Ausgerechnet ihr Erzfeind aus Kindertagen, der unerhört gut aussehende Jacob Greenberg, veranstaltet das Event, und die Tickets sind restlos ausverkauft. Wo soll da nur das Happy End her? 


Auf diesen Roman hab ich mich sehr gefreut - und ich nehme es vorweg: ich bin begeistert. Es geht hier für einmal nicht nur um Weihnachten, sondern auch um das jüdische Chanukka-Fest (das Lichterfest, an dem man sich an die Wiedereinweihung des zweiten Tempel in Jerusalem erinnert) das im Dezember gefeiert wird und für die Protagonistin, Rachel, im Bezug auf Romantik und das spezielle warme Gefühl, das sie jeweils hat, nicht mit Weihnachten verglichen werden kann. 

Für viele von uns gehört der Film "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" zur Weihnachtszeit dazu. Bei Aschenbrödel steht ein Schuh und ein Ball im Mittelpunkt. Einen Ball gibt es auch in "Das Fest der Liebe" - und ich kann mir nun gut vorstellen, nächsten Dezember anstatt den Film zu schauen, diesen Roman, im Original "The Matzah Ball", erneut zu lesen. 

Auf eine gute humorvolle und sehr tiefergehende Art schreibt Jean Meltzer über zwei jüdische Erwachsene, die sich vor Jahren in einem Jugendcamp kennenlernten und voneinander stark enttäuscht wurden. Beide dachten, dass sie vom jeweils anderen hintergangen wurden. Dieses Gefühl haben beide, wenn sie aneinander denken. Doch als Rachel erfährt, dass Jacob ein Chanukka-Event organisiert und sie nur noch über ihn an eine Eintrittskarte kommen könnte (die sie aus Recherchegründen für ihr neues Buchprojekt dringend haben muss), versucht sie über ihren Schatten zu springen und ihn zu kontaktieren. Wie gut, dass Jacob ihre Eltern - die Mutter eine bekannte Frauenärztin, der Vater ein berühmter Rabbi - am kommenden Sabbat besuchen wird. 

Nachdem das erste Wiedertreffen für beide besser als gedacht verlief, wird das zweite umso enttäuschender. Vor allem für Rachel, denn sie kann den Deal, den Jacob ihr vorgeschlagen hat, aus gesundheitlichen Gründen gar nicht wahrnehmen und durchhalten, doch sie beisst sich durch, ohne etwas zu sagen. Er hingegen versteht nicht, wieso sie alles so ernst nimmt und keinen Spass mehr zu verstehen scheint. 

Jacob, der keine einfache Kindheit hatte und kurz nach dem erwähnten Camp nach Frankreich ziehen musste, ist das erste Mal wieder in New York. Nicht viele Leute wissen, wie aus dem frechen Jungen von damals der erfolgreiche Eventmanager wurde. Ähnlich ist es bei Rachel: auch sie erzählt nicht gerne von sich. Ausser einer Handvoll Leute weiss niemand von ihrer Krankheit, dem chronischen Müdigkeitssyndrom und auch nicht über ihren tatsächlichen Beruf: sie ist eine erfolgreiche Weihnachtsroman-Autorin. Sie denkt, ihre Leser und auch die Gemeinde ihres Vaters zu enttäuschen, wenn dies bekannt wäre und hat gelernt, ihre Leidenschaft und ihre Krankheit zu verstecken. 

Dieser Kontext bildet das Gerüst zu diesem genialen, religionsverbindenden Weihnachtsroman. Autorin Jean Meltzer nimmt die Leser*innen in "Das Fest der Liebe" nicht nur mit auf "The Matzah Ball" sondern auch auf eine Reise der Gefühle. Man lacht, weint, hofft, erschrickt, ist wütend, freut sich, wenn sich gekümmert wird (nicht nur durch Essen!) und vieles andere mehr, während die beiden Protagonisten vorsichtig wie auf Glas um sich herum tänzeln. 

Am Ende beweist Meltzer, dass nicht nur Weihnachten, sondern auch Chanukka ein magisches, wundervolles Fest ist. Ein Feuerwerk an Themen flicht die Autorin in ihren Roman mit ein, so dass es nie, aber auch gar nie, langweilig wird. 

Fazit: "Das Fest der Liebe" ist inspirierend, romantisch, magisch, emotional und bekommt einen der raren Plätze auf meine 2022er Highlight-Liste!
5 Punkte. 



Montag, 25. Juli 2022

Das Buch Ana von Sue Monk Kidd

Klappentext:
Im Jahr 16 nach Christus, im von den Römern besetzten Galiläa: Ana wächst in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Sie ist ein kluges Mädchen mit rebellischem Geist und messerscharfem Verstand. Sie lernt Lesen und beginnt, heimlich Geschichten zu schreiben. Als sie vierzehn ist, soll sie an einen alten Witwer verheiratet werden. Auf dem Markt wird sie ihm vorgeführt und ist entsetzt. Ein junger Mann mit dunklen Locken und sanften Augen erkennt ihre Verzweiflung und hilft Ana. Ihre Begegnung wird alles verändern.




Mit "Das Buch Ana" nimmt Sue Monk Kidd uns Leser*innen nach Galiläa mit. Zur Zeit als die Römer das Land regierten und Jesus lebte. Egal, ob man an Jesus der Bibel glaubt oder nicht: der historische Jesus ist belegt, und sein Charisma muss gross gewesen sein. 

Dieses Charisma, eingebettet in die damalige Zeit, fängt die Autorin sehr gut ein. Eng entlang der neutestamentlichen Erzählung lässt sie uns aus Sicht von Ana teilhaben an dem, was hätte sein können, was vielleicht sogar auf die eine oder andere Art und Weise auch war. Sie zieht den Fokus näher ans Alltagsleben ran, erzählt vom Menschen Jesu, von seiner Familie und eben von Ana. 

Ana wächst in einer jüdischen Familie auf. Ihr Vater ist Schriftgelehrter im Palast von Herodes Antipas und will seine Tochter verheiraten. Die weigert sich, den auserkorenen Mann zu ehelichen, was ihren Eltern missfällt. Ein Sohn, der den falschen Leuten folgt und jetzt auch noch eine widerspenstige Tochter! Die Lesen und Schreiben kann und dies auch täglich tun will - und Geschichten sammeln. Mit ihrem ganzen Wesen eckt Ana zuhause an. Das geht gar nicht, schliesslich ist der Vater ein Mann von hohem Rang. Ana muss sich einiges gefallen lassen, bis sie endlich auf ihrer eigenen Lebensreise angekommen ist, nur unterstützt von ihrer Tante Yaltha. Viel leichter ist ihr Leben später an Jesus Seite nicht, aber wenigstens lebt sie nun bei dem Mann, den sie liebt. Zumindest lebt sie fast mehr bei seiner Familie, denn Jesus war bekanntlich ja oft unterwegs. 

Anas mögliches Leben als Ehefrau von Jesus hat Sue Monk Kidd hervorragend geschildert. Die Autorin hat die damalige Zeit perfekt eingefangen, man merkt, wie akribisch sie recherchiert haben muss. Sie gibt in ihrem Roman den Frauen eine Stimme, die unter dem Patriarchat und dem Machtgehabe einiger Herrscher leiden mussten. "Das Buch Ana" ist ein Lese-Highlight sondergleichen. Es ist toll geschrieben und hat mich als Leserin sofort abgeholt. 

Aber es reichte dann doch nicht für die ganzen 5 perfekten Punkte, denn der Roman hatte Längen. Es war enorm viel los und auch wenn es eigentlich alles davon brauchte was erzählt wurde, verspürte ich trotzdem manchmal eine gewisse Langatmigkeit zwischendurch. 

Ich hoffe sehr, dass durch diesen Roman, der die Ängste, Wünsche und Sehnsüchte der Charakter dermassen lebendig aufzeigt, viele Menschen weltweit einen anderen, einen näheren Zugang zum biblischen Jesus und seiner Zeit bekommen. 

Fazit: Ein mitreissender und absolut fesselnder historischer Roman, eine Zeitreise mit einer grossartigen Stimme.
4.5 Punkte. 


Freitag, 3. Juni 2022

Un-Verhüllt von Julia Haart

Klappentext: 
Geboren in eine streng religiöse jüdische Familie und mit 21 verheiratet an einen ultraorthodoxen Juden, kennt Julia Haart die ersten 42 Jahre ihres Lebens nur die Unterwerfung unter die strikten Gebote ihrer Religionsgemeinschaft: Unbedeckte Haare, kurzärmelige T-Shirts, Miniröcke, Bikinis – all dies gilt als Insignien des Teufels. Und doch ist Julia Haart von Kindesbeinen an fasziniert von der Glitzerwelt der Mode. Als ihre Kinder alt genug sind, beschließt sie, aus ihrem alten Leben auszubrechen – und ihre Leidenschaft für schöne Kleidung zu ihrem neuen Lebensinhalt zu machen. Und das vermeintlich Unmögliche gelingt. Nach der Gründung eines erfolgreichen eigenen Schuhlabels und der Arbeit als Designerin für La Perla gilt Julia Haart heute als eine der bedeutendsten Playerinnen der internationalen Modewelt. 


Ich schaue selten Netflix, aber als ich von "mein unorthodoxes Leben" hörte, schaute ich mir die erste Staffel an. Da die Folgen anders als erwartet waren, nahm ich mir vor Julia Haarts Buch zu lesen, denn ich war neugierig, ob sie hier endlich ihre echte Geschichte erzählt oder ob es bei oberflächlichen Plaudereien bleibt, wie man sie in der Staffel nur zu oft gehört hat. Ich war gespannt, ob Fragen, die bei der Sendung offen bleiben, im Buch beantwortet werden - ja, das werden sie zum Teil. Aber vieles wird am Ende auch übergangen.

Von der Tellerwäscherin zur Millionärin - der alte amerikanische Traum - ungefähr so kann man Julia Haarts Leben überschreiben. Die Show will uns glauben lassen, dass Julias Weg von einem armen streng orthodox aufgewachsenen Mädchen zur berühmten Modedesignerin und ihr Ausstieg aus dem engen religiösen Umfeld sehr hart waren.

Doch beim Lesen merkt man schnell, dass nicht alles so extrem war, wie Julia es uns glauben lassen wollte. Sie verbrachte nämlich bis zum Alter von 6 Jahren eine ganz normale Kindheit und erst später wurde ihr Leben eingeschränkter. Ihre Eltern flüchteten aus der UdSSR nach Rom, als sie drei Jahre alt war. Von dort ging es in die USA, wo die Eltern langsam fromm wurden. In ihren Anfangsjahren in den Staaten hatten sie Kontakte zu sehr reichen Leuten, sogar auf ihrer ersten jüdischen Schule wurde Designerkleidung getragen. Erst etwa mit 12 wurde ihr Umfeld enger und danach auch Julia so richtig frum. 

Davon und auch von ihrer Hochzeit mit 19 und den anschliessenden Jahre erzählt die erste Hälfte des Buches. Darin ist auch gut erklärt, was Gebote und was Verbote sind - die enorm einschränkenden Verbote sind eine zusätzliche Auflastung. Pragmatisch erzählt Julia, wie schwer es ist, sich an alle Verbote zu halten, also quasi alles zu tun, aber doch nie züchtig genug zu sein in der fundamentalistischen Welt. Der Alltag dort war sicher nicht einfach, insbesondere auch was die Bildung der Frauen betraf. Dies schildert Julia Haart ausführlich, als Leserin fühlt man mit ihr in vielen Situationen mit. 

Positiv herauszuheben ist auch, dass alles chronologisch erzählt wird, das macht es einfach ihrer Geschichte zu folgen. Denn für einige Leser kommen vielleicht zu viele jüdische Begriffe vor, von daher ist wenigstens der chronologische Ablauf einfach gehalten.

Die zweite Hälfte des Buches dreht sich um ihr Leben in der neuen Welt - aber nicht in einer normalen Welt, sondern in einer Luxus-Welt. Es geht um ihr Business, um Dating, Sex und um Geschäftspartner, denen sie besser nicht getraut hätte. War es fehlende Menschenkenntnis oder an was lags? Könnte es sein, dass sie sich schon immer ein wenig zu wichtig nahm? Ihr Motto lautet "Dreistigkeit siegt" und "Starker Wille gleich Erfolg" - und das spürt man durch die Zeilen, denn auch wenn sie es anders wahrnimmt, kommt ihr Verhalten sehr narzisstisch rüber. 

Anders als man es sich nach dem Gehörten aus der Sendung vorstellte, verlässt sie nämlich nicht eines Tages mit Sack und Pack ihr Haus und ihre Gemeinschaft und sucht sich woanders eine Wohnung und einen Job. Nein. Während einem Abendessen in Manhattan, wo sie sich oft mit Freundinnen in koscheren Restaurants traf, kriegt sie ein Job-Angebot, sie könne Schuhe für eine neue Firma entwerfen. Erst dann "geht" sie. In Folge lebt sie in der Stadt in Hotels und arbeitet an ihrer Schuhkollektion, und fährt zum Sabbat oder auch sonst immer mal wieder zurück nach Monsey. Ihr Mann und sie hatten ein grosszügiges Arrangement. Im Buch gibts aber kein Wort dazu, wie sie sich ihr Leben in der Stadt finanzierte, man nimmt also an, dass ihre Investoren auch ihren Lebensunterhalt finanziert haben. Über ihre Integration in die "reale" Welt wird leider sehr wenig erzählt - es ist mehr ein "vom kinderreichen Haushalt zum Luxushotel", dazwischen gibts nicht viel. 

So gesehen führte sie tatsächlich eher immer ein unorthodoxes Leben - nämlich eins, wo Geld nie oder nur selten Mangelware war. Sie war nicht gefangen und konnte spätestens, nachdem sie aus Atlanta zurück kehrten, sich problemlos mit ihren Freundinnen in Manhattan in koscheren Restaurants zum Essen treffen. Das, was überall so aufgebauscht wird, dass sie Versicherungen verkaufte, war nur eine kurze Episode und und passierte viele Jahre bevor sie ihre Gemeinschaft verliess. Sie trug auch zu ihrer streng orthodoxen Zeit immer 12cm Absätze, sie fiel damals also schon auf. 

Der allererste Hosenkauf oder der erste Cheeseburger in ihrem Leben - das sich das wie eine Sünde anfühlte, das fand ich gut und glaubhaft erzählt, ich hätte mir mehr davon gewünscht anstatt dem ganzen Luxus-Setting. Aber wahrscheinlich kennt Julia es gar nicht anders, für sie gibt es anscheinend nur das strenge Leben in Monsey oder eben Luxus.  

Das Buch endet, als sie zu La Perla wechselte und ist ziemlich abrupt zu Ende. Damals jettete sie zwar schon von Fashion Week zu Fashion Week, aber hatte noch nicht wirklich Erfolg - nur viele Geldgeber - deshalb wäre es interessant gewesen, auch noch die letzten Jahre von La Perla zu EWG mitzubekommen. Erst dachte ich, dass es vielleicht einen zweiten Band geben wird, aber mittlerweile denke ich, dass sie diese letzten Teile nicht veröffentlichen wollte oder durfte, da Julia aktuell auf ihre Scheidung von ihrem zweiten Ehemann wartet und von ihm, bzw. von der EWG, entlassen wurde. 

"Un-Verhüllt" ist der Bericht einer Lebensgeschichte einer wohl narzisstischen Frau, zwar interessant, aber schlussendlich doch nicht so krass wie Julia das gerne wahrhaben möchte. Ich möchte Julias Lebensgeschichte nicht schmälern, aber interessanter und sicher viel glaubhafter wäre ein Bericht einer ultraorthodoxen Frau, die auch vollständig in diesem Umfeld aufgewachsen ist und nicht in Geld schwimmt und ihren Weg raus aus der engen Gemeinschaft wirklich von Null auf erarbeiten musste, was bei Julia nicht der Fall war. Nicht nur die TV-Staffel ist ein Reality-Format mit viel Blingbling, auch im Buch ist einiges davon enthalten. 

Fazit: Von einen Extrem ins andere Extrem - eine beschönigt klingende Lebensgeschichte zwischen Langarmshirts mit Rundhalsausschnitt und knapp sitzenden Tops ohne Träger. 
4 Punkte.


 

Donnerstag, 28. Oktober 2021

Kaddish.com von Nathan Engländer

Klappentext:
Larry, ein atheistischer Jude aus Brooklyn, ist nach dem Tod seines geliebten Vaters ein einziges Nervenbündel. Nach dem jüdischen Gesetz muss er elf Monate lang das Kaddisch für seinen Vater beten. Fieberhaft sucht er nach einem Ausweg – und findet ihn, wie so vieles, im Internet, bei der Website kaddish.com. Ein frommer Jeschiwa-Schüler in Jerusalem wird das Trauergebet für seinen Vater sprechen, während Larry so weitermachen kann wie bisher. 





Auf diesen Roman war ich sehr neugierig. Beim Lesen musste ich allerdings feststellen, dass nicht die im Klappentext angegebene Geschichte erzählt wird - jedenfalls nicht was der Zeitpunkt betrifft.

Nach dem Tod seines Vaters sitzt der etwa 30jährige Larry eher gezwungenermassen Schiwa und streitet sich mit seiner Schwester. Larry würde lieber anders trauern als so streng vorgegeben wie es in der talmudischen Tradition üblich ist. Am Ende der siebentägigen Trauerzeit erwartet ihn die Ansage, dass er als Sohn des Verstorbenen die Pflicht hat, für die nächsten elf Monate täglich das "Kaddisch" (eins der wichtigsten Gebete im Judentum, ähnlich dem christlichen "Vater unser") zu beten. Larry jedoch findet schnell einen Weg, dies zu umgehen und ist ganz happy mit seiner Idee: jemanden dafür zu bezahlen, wie es auf der entsprechenden Website kaddish.com angeboten wird. 

Jahre später bereut er seinen damaligen Entschluss und wird wieder fromm. Er ändert seinen Lebensstil, studiert die Thora, wird Lehrer, heiratet, hat eine Familie. Nochmals einige Jahre später - aus dem mittlerweile etwa 50 Jahre alten Larry ist Rabbi Shuli geworden - wird er an einem Anlass stark getriggert. Die zwanzig Jahre zwischen dem Tod seines Vaters und diesem Anlass ist nur kurz zusammengefasst und erst jetzt geht es eigentlich richtig los mit der Geschichte.

Seine Schuldgefühle lassen Shuli keine Ruhe mehr und er nimmt sich vor, den damaligen Jeschiwa-Schüler Chemi aufzuspüren, damit er ihm die Verantwortung für seinen verstorbenen Vater, quasi sein Geburtsrecht, was traditionell durch dem Anderen etwas in die Hand legen bestätigt wird, wieder zurück gibt.

Nun beginnt eine abenteuerliche und für die Leser, weniger für Shuli, amüsante Reise, die gleichzeitig aber auch etwas Trauriges und Tragisches an sich hat. Nathan Engländer erzählt wie Shuli sich in sein Vorhaben rein steigert, wie nicht nur seine Familie unter seinem Aktionismus leidet, sondern er sich vor lauter Besessenheit auch nicht mehr an einige seiner selbst aufgestellten Regeln wie zum Beispiel dem Thema Computernutzung hält und Schüler für ihn "arbeiten" lässt. 

Ich selbst erwartete laut Klappentext eine andere Geschichte, bzw. dass es eben um "Larry, direkt im Trauerjahr" geht und nicht um "Larry, dreissig Jahre später". Mich hätte das Trauerjahr mit einem ungläubigem Larry, der Rituale und den Glauben hinterfragt und vielleicht zu einem eigenen Glaubensverständnis findet, viel eher interessiert, als einen geläuterten Rabbi mit schlechtem Gewissen. 

Die Theologin in mir würde am liebsten eine Abhandlung über Shuli schreiben, denn der Roman birgt vieles. Shuli ist so fixiert darauf Abbitte zu leisten und den starren Regeln zu entsprechen, so dass er überhaupt nicht mehr frei ist in seinem Glauben. Das Zureden seiner Frau "Du darfst dir selbst vergeben" kann er mit seinen Schuldgefühlen als der vermeintlich verlorene Sohn nicht für sich annehmen. Er kann ihr nicht mal richtig zuhören und überhört das Friedensangebot vor lauter Gefangensein in seinem Sühnedenken. 

Obwohl die Story zwar ganz anders als erwartet war, fand ich sie schlussendlich gut durchdacht und auf eine spezielle Art witzig. Ab einem bestimmten Zeitpunkt kam ich dem Kern der Geschichte auf die Schliche und war mächtig gespannt, wie Shuli damit umgehen wird. Diesen letzten Teil mochte ich am liebsten. 

Zukünftige Leser von "kaddish.com" sollten aber unbedingt ein bisschen Ahnung vom Judentum und seinen speziellen Ausdrücken haben, sonst kann ich mir vorstellen, dass es mit dem Verständnis der diversen Rituale und Bezeichnungen enorm schwierig wird, den Zugang zu der Geschichte zu finden. Es gibt am Ende zwar ein Register, doch da müssten Leser ohne Vorwissen viel zu viel nachschlagen, um alles zu verstehen. 

Fazit: Lesenswert und unterhaltend, wenn man sich mit dem Judentum auskennt, ansonsten wohl eher schwer verständlich. 
4 Punkte.