Alles hinter sich lassen und ans Ende der Welt flüchten, danach sehnen wir uns doch manchmal alle. Besonders dann, wenn wir mit unseren Kräften am Ende sind und uns fragen, wie es weitergehen soll. Die Erzählerin der Geschichte träumt nicht nur davon, sondern folgt dieser Sehnsucht. Auf der Suche nach sich selbst landet sie auf einer wilden Insel in der türkisblauen Ägäis, wo die Zeit anderen Gesetzen folgt. Dort trifft sie auf die naturverbundene Hera, die ihr zeigt, was es heißt, wirklich frei und ganz bei sich zu sein.
Die namenlose Protagonistin entscheidet am Flughafen spontan wohin sie fliegt: nach Athen. Dort am Flughafen trifft sie auf Dita, die ihr den Tipp gibt, auf Kefonisi nach Hera, ihrer Tante, zu fragen. Der Ort wäre perfekt für sie. Nachdem am Hafen von Kefonisi ein Taxi sie nicht zu Hera bringen will, sie immerhin auf dem Moped ein Stück weit mitgenommen wird, ist sie sich ihrer Sache nicht mehr sicher. Sie sehnte sich zwar nach dem Ende der Welt, aber so?
Sie landet abgelegen und nur durch einen Wanderweg erreichbar, in einem kleinen Häuschen direkt am Meer. Hera erwartet sie schon. In den nächsten Tagen sieht sie ausser Hera und der Ziege Meltemi kaum jemanden und sie lebt ein Leben am Meer mit fast nichts.
In den Wochen darauf lernt sie den Segler Yannis, Heras Freundinnen und den Schweden kennen. Somit wären alle Figuren bereits erwähnt. Die namenlose Erzählerin wird im Laufe der Geschichte zu Nea. Der Name, übersetzt mit "Die Neue" passt ihr gut. Namen und Orte sind irgendwie nicht wichtig, so bleibt auch der Schwede immer nur "Der Schwede". Die Charaktere sind fast alles Aussteiger*innen, die auf der kleinen Insel mit Wenigem zufrieden sind.
Die Ruhe, die auf der Insel gesucht wird, wird im Roman deutlich hervorgehoben. Das ruhige Leben auf der Kykladeninsel hebt sich ab vom Trubel der Grossstadt, aus der Nea kam. Es geht um Entschleunigung und um in der Ruhe, weit weg von der (übertrieben gesagt) Zivilisation, zu sich zu kommen.
Das bringt die Autorin sehr deutlich rüber. Ebenso auch, dass es sich bei "Über der Brandung" um einen Roman handelt, in der es um die Kraft der Freundschaft geht, ausgelebt nach alten Traditionen. Es ist ein Roman, der vielen Leserinnen vielleicht zu ruhig und zu handlungslos ist. Man sollte die stille und naturverbundene Atmosphäre an der Ägäis-Küste schon mögen und es schadet wahrscheinlich auch nicht, wenn die Leserschaft nicht allzu jung und bereits jenseits der Dreissig ist.
Mir hat "Über der Brandung" gut gefallen. Der Schreibstil, das Setting, der Plot: schön. Bei der Bewertung fehlte gar nicht viel für fünf Sterne. Vielleicht war es mir ein bisschen zu klischeehaft, dieses "Plötzlich ist alles gut"-Feeling. Nichts gegen Kräuterheilkunde und Mystik, aber vielleicht war es gerade diese Kombination, die mir dann doch ein Mü zu viel war. Dafür empfand ich es total nachvollziehbar, wieso Nea aus Deutschland geflüchtet ist.
Meine Lieblingsfigur war eindeutig Meltemi: die einen haben Katzen, die andern Ziegen. Ich kann mir Nea und Meltemi, nebeneinander auf dem Steg liegend so gut vorstellen. Herrlich!
Auf jeden Fall habe ich jetzt grosse Lust, auch Jebens vorherigen Roman "Immer am Meer entlang" zu lesen.
Fazit: Wenn ihr könnt: liest dieses Buch am Meer! Die griechische Ägäis wäre dann noch das Nonplusultra.
4 Sterne.

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