Donnerstag, 8. Juni 2017

Auf Federicas Spuren in Rom 2

"Hier im Testaccio, dem alten, vergessenen Viertel ... von Rom" spielt sich der Roman "Liebe auf drei Pfoten" von Fiona Blum ab. Der wunderschöne Roman machte so richtig Lust, wieder einmal in die ewige Stadt zu reisen. Meine Familie hatte ich schnell überzeugt und so machten wir uns in den Frühlingsferien auf nach Rom. Wir sind zwar keine Frühaufsteher wie Federica, aber die Stadt ist nicht nur frühmorgens sehenswert. 


"Hier im Testaccio, dem alten, vergessenen Viertel rund um den ehemaligen Schlachthof von Rom, war das Geld knapp, und kaum einer konnte es sich leisten zu verreisen. Das Testaccio rühmte sich damit, dasjenige historische Viertel zu sein, das in jeder Hinsicht am weitesten vom heiligen Zentrum der Stadt entfernt lag.... Es gab hier keine Sightseeing-Busse, keine Schneekugeln mit Petersdom und kein menu turistico. Stattdessen eine Pyramide voll streunender Katzen und viele Verrückte, Einsame und Gestrandete." (S.7/156)




Wir fuhren also mit der Metro zur Pyramide, überquerten die Strasse und suchten den Eingang zum protestantischen Friedhof, den Cimitero acattolico. Dazu muss man rechterhand um die Pyramide laufen, von dort kann man schon mal einen Blick aufs Gelände werfen. Doch der Eingang befindet sich etwa 2-3 Gehminuten weiter weg, links in die Via Caio Cestio 6 einbiegen und nach ca. 100m erreicht man die Pforte.



Auf dem Friedhof befindet sich nicht nur das Grab von Goethes Sohn August oder dasjenige des englischen Poeten John Keats oder der sehr eindrückliche trauernde Engel, der ein Bildhauer seiner verstorbenen Frau als Grabmal schuf, sondern auch der letzte Ruheplatz einer der Romanfiguren aus "Liebe auf drei Pfoten".
Während unserem Besuch hörten wir plötzlich Gesänge - eine kleine orthodoxe Gedenkfeier fand an einem der Gräber statt.








In der Nähe des Grabmals von John Keats lag dann auch diese Katze im Gras und ich stellte mir vor, es wäre Bruno, der das Grab der besagten Romanfigur besucht. Obwohl Bruno ein schwarzer und nicht ein rotgetigerter Kater ist.

Bänke laden die Besucher zum Verweilen ein, auch Katzen dürfen sich hier erholen. Ausserdem ist auf dem Areal ein Katzenasyl untergebracht, von dem auch im Roman berichtet wird. An einem Zaun hängt eine kleine Kasse, für die Katzen Roms wird damit Geld gesammelt. Frauen wie Flavia füttern hier die Katzen. 

"Die Katzen von Rom waren es wert, dass man sie liebte, auch wenn das nicht alle so sahen. Rund dreihunderttausend gab es in der Stadt und sie waren allesamt etwas Besonderes. Mit ihren eigensinnigen, sturen Katzenherzen hingen sie an den alten Ruinen der Stadt, stromerten zu Hunderten zwischen römischen Säulenresten herum und lagen auf antiken Mauern träge in der Sonne, ganz so, als hätte das römische Imperium einzig und allein zu dem Zweck existiert, um den streunenden Katzen ein angemessenes Heim zu bieten. Nicht zu übersehen war allerdings auch das Elend der stillen Okkupanten, die allein schon aufgrund ihrer immer weiter wachsenden Zahl kaum noch etwas zu fressen fanden und mildtätige Gaben alter, verrückter Frauen wie Flavia Buonacuore angewiesen waren.." (S. 43 und 44/156)

Weiter ging es vorbei am Monte Testacchio, den Scherbenhügel, runter zur Markthalle, in der die Bewohner des Quartiers einkaufen. 
Von dort quer durchs Quartier zur Kirche Santa Maria del Liberace. Gegenüber befindet sich ein Park, in den die Kinder nach dem Besuch in Fé's Bibliothek hinrannten. "Matteo lief die Via del Arcangelo hinunter und bog auf die schattige Piazza Santa Maria Liberatrice ein, seine heulende Schwester Fiammetta im Schlepptau." (S.91/156) Flavia setzte sich kurze Zeit später auf dieselbe Bank und entdeckte das vergessene Buch, doch Matteo kam zurück, um es zu suchen: "Haben Sie ein Buch gefunden, Signora?" "Hast du denn eins verloren?" (S.102/156)

Zwei Strassen weiter lief vor mir eine ältere Frau und sogleich stellte ich mir sie vor als Flavia, die mit ihrem Einkaufswegen etwa so im Quartier unterwegs war.
"Als die Katze vor das Auto lief, hatte Flavia Buonacoure ihren Einkaufswagen bereits vollgepackt und war losgegangen. Jeden Tag schob sie den klappernden Wagen, den sie sich vor langer Zeit von dem kleinen Supermarkt an der Ecke ausgeliehen hatte, von ihrer Wohnung bis zur Pyramide des Cestio, die das äusserste westliche Ende des Testaccio markierte." (S. 41/156)
"Auch heute ging Flavia ihren üblichen Weg zur üblichen Zeit... Sie hatte nach einigen Experimenten herausgefunden, dass die Mittagszeit die beste Zeit war, um ihre Schützlinge zu füttern, weil es dann am stillsten war." (S.43/156) 



Überall in Rom finden sich solche Brunnen. Dieser hier findet sich an der Ecke der Via A. Vespucci, die Strasse, die im Buch die Via Arcangelo darstellt. "Immerhin lebte man in Rom, der glanzvollen Hauptstadt des Imperiums Romanum, die schon vor zweitausend Jahren über die modernste Wasserversorgung der antiken Welt verfügt hatte. Aus dieser Zeit stammten auch noch die zahllosen Brunnen, aus denen man sich in der Stadt an jeder Strassenecke mit frischem, sauberem Wasser versorgen konnte." (S.23/156)





Ein paar Schritte weiter könnte Federicas Wohnung liegen. Sie wohnt oben in einem Mehrfamilienhaus, Balkon an Balkon mit ihrem Nachbarn Mimmi, vielleicht sieht es ein wenig so wie auf dem Foto aus. Ebenso passt der begrünte und mit Palmen bepflanzte Innenhof. 

"Federica lag auf dem Balkon und wartete. Sie wartete, obwohl sie sehr gut wusste, dass es umsonst war: Es würde kein Luftzug wehen, nicht einmal der Hauch eins Luftzugs. Die drei staubigen Plamen in der Mitte des Hinterhofs standen matt und vollkommen reglos in der unbewegten Luft." (S.7/156)




"Und jene schmale Strasse, die den hochtrabenden Namen Via del Arcangelo trug. Versteckt zwischen alten Häusern, von denen der Putz vergangener Jahrzehnte blätterte, folgte sie im Verborgenen der Biegung des Tibers von der Ponte Sublico bis zur Ponte Testaccio. Dort, in einem ehemals terrakottarot gestrichenen Haus mit einem kiesgedeckten Innenhof, lag Federica Mazzanti in der schwülen Hitze der Juninacht auf dem Balkon ihrer Dachgeschosswohnung und wartete auf den Schlaf, der nicht kommen wollte." (S.7/156)


Einmal im Monat gingen Federica und Mimmi zusammen essen. Entweder in die Trattorio von Pasquale oder "Wenn das Geld für solch lukullische Genüsse nicht reichte, tat es auch eine Pizza Margherita oder eine Piadina an Raffis Bar in der Via Marmorata. (S.21/156) Wir taten es ihnen gleich und assen an der besagten Strasse im "Il Gianfornaio" zu Mittag.



Von oben an der Via Marmorata geht links eine kleine Strasse hinauf auf dem Aventin. Dort steht das Hotel Anselmo, das der Frühstückspenion, in der Federica morgens arbeitet, nachempfunden wurde.  "...aber andererseits war das Albergo Il Nido, Das Nest, in dem sie als Frühstücksfräulein arbeitete, so verschlafen und fernab aller Massentourismusströme gelegen, dass sich nur sehr selten grösser Reisegruppen hierher verirrten." (S.9/156)



Ganz oben auf dem Aventin befinden sich einige schattenspendene Parks, von denen man einen schönen Blick auf die Stadt hat. Federica stand am Ende des Romans jedoch auf der anderen Seite, auf dem Gianicolo. Ich bin mir sicher, sie hatten einen ebensolch schönen Ausblick.












"Auf dem Aussichtspunkt des Piazzale Gianicolo angekommen parkte sie ihr Mofa, hob die Tasche mit Bruno aus dem Gepäckträger und ging mit ihr nach vorn zur steinernen Brüstung. Vor ihr lag die Stadt in ihrer ganzen unglaublichen, unwirklichen Pracht..." (S. 154/156)


Auf diesem Foto sieht man vom Aventin aus über den Tiber nach Trastevere. Das grosse, langgezogene Gebäude ist der Complesso Monumentale die San Michele a Ripa Grande und eins der grössten Gebäude Roms. Rechts daneben ist in der Querstrasse Via del Porto die Tierarztpraxis angesiedelt. Federica war von Testaccio aus mit ihrer Vespa rasch dort.

"Federica gab noch mehr Gas, sie fuhr jetzt schnell, schneller als der Verkehr, der sich stockend auf der Ponte Sublicio über den Tiber drängte. Haarscharf fuhr sie rechts an einer ganzen Kolonne vorbei, ignorierte die rote Ampel und bog rechts ab, den Lungotevere Ripa Grande entlang. Dort war bereits die kleine Via del Porto. Sie parkte auf dem Gehsteig, vergass, ihr Mofa abzusperren, und hob die Katze mitsamt der Bluse der alten Frau aus der Kiste. Ein kleines, ziemliche neues Schild an der alten, verwitterten Fassade eines Hauses sagte ihr, dass sie richtig war. Sie klingelte, zwei, drei Mal, und bemerkte in ihrer Ungeduld nicht gleich, dass die Tür längst offen war." (S.55 /156)

Tierarzt Dr. Fontanari hat seine Praxis und die Sprechstundenhilfe Signora Mazza von seinem Vorgänger übernommen. Sie mag es nicht, wenn er herrenlose Tiere behandelt - nicht nur deshalb würde er sie manchmal am liebsten vor die Türe stellen. Doch er ist viel zu gutmütig. 
"Davide Fontanari seufzte und machte sich ebenfalls auf den Weg zu seinem verbeulten Fiat, der auf dem winzigen Privatparkplatz, stand, der zu der Praxis gehörte und in dieser Stadt nicht mit Gold aufzuwiegen war. Morgen. Morgen würde er seine Sprechstundenhilfe in ihre Schranken weisen. Ganz sicher." (S. 85/156) 
Wahrscheinlich besass er nicht solch einen leuchtend gelben Fiat, aber die stehen in vielen Farben in allen Ecken Roms in diversen Stufen von nigelnagelneu bis zu verbeult und total verrostet.


Kein Foto habe ich von Federicas Bibliothek. Der im Buch dargestellte Platz ist fiktiv am Ufer des Tibers gelegen. Real führt je eine grosse Autostrasse auf beiden Seiten des Tibers entlang. Vom Friedhof her kommend, oberhalb des Scherbenhügels, an der Via Nicola Zabaglia, sah ich jedoch eine gerade geschlossene und nicht direkt an der Strasse gelegene Bibliothek. 

Auf dem im Buch beschriebenen Areal befinden sich Werkstätten einiger Künstler. Einer von ihnen ist Martino, der sich sein Geld als  römischer Legionär verdient. Verkleidete junge Männer standen früher zuhauf rund um das Colosseum, doch dort standen nur Unmengen von Touristen und Guides, die wetteiferten, wer die nächsten Touristen ins Kolloseum führen darf. Legionäre fand ich dafür überraschend ein paar Tage später beim Eingang des Park der Villa Borghese. 
"Martino arbeitete seit einigen Jahren als Legionär. In voller Rüstung, die er sich selbst hatte anfertigen lassen, postierte er sich jeden Tag zusammen mit einigen Kollegen vor dem Kolosseum und wartete auf zahlende Touristen, die mit ihm zusammen ein Foto machen wollten... Wenn er nicht als Legionär arbeitete, war er Künstler, allerdings eher einer von der brotlosen Sorte.... Leider war der Stadtradt von Rom in diesem Frühjahr urplötzlich auf die Legionäre aufmerksam geworden und hatte begriffen, dass sich damit Geld verdienen liess. Und so waren sie ganz schnell verboten worden, und man verteilte neuerdings teure Tageslizenzen für alle, die sich weiterhin auf diese Weise verdingen wollten."(S.26/156)

Zu Fuss hat man natürlich länger als Federica auf ihrer Vespa, aber der Campo di Fiori ist auch per pedes gut erreichbar. Auf dem schönen Platz kann man täglich dem Marktgeschehen beiwohnen, einfach nur ein Gelati oder Tartuffo geniessen oder in einem der umliegenden Restaurants essen. Oder sich wie Federica auf die Stufen der Statue von Bruno Giordano setzen und wie sie ein Buch lesen. 


"Federica mochte Steine lieber als Menschen. Deshalb war vielleicht auch Giordano Bruno ihr Freund. Natürlich war auch er eimal ein Mensch aus Fleisch und Blut gewesen, doch das war langer her... Zweihundert Jahre später war ihm auf diesem Platz südlich der grossen und ungleich prächtigeren Piazza Navona ein steinernes Denkmal errichtet worden. Dort stand er noch immer, ein steingewordener Philosoph und Volksheld, die Kapuze tief in die Stirn gezogen, den Blick auf ewig anklagend in Richtung des Vatikans gewandt. Federica besuchte ihn oft. Machmal, wenn sie rechtzeitig aufgestanden war, noch vor der Arbeit im Postamt, meist aber, bevor sie ihr Arbeit als Frühstücksfräulein bei Signora Zafferano antrat.... Damit setzte sie sich ihrem Freund zu Füssen und stellte ihm die eine oder andere Frage. Es ging dabei meist um Dinge, die sie gelesen hatte und die sie nicht losliessen." (S.14/156)

Am Ende unseres "Liebe auf drei Pfoten"-Tages entdeckte ich in Trastevere in einem kleinen Hinterhof, in dem ich eigentlich nur eine Marienstatue anschauen wollte, den kleinen Bruno. Er blickte neugierig aus der Pförtner-Wohnung durchs Fenster und es war wie bei Federica Liebe auf den ersten Blick:


"...der keine Kater war nicht umsonst ein zäher mit allen Wassern gewaschener Strassenkater, der bereits sechs wilde Leben hinter sich hatte. Er erkannte eine Chance, wenn sie sich ihm bot. Und dieser Geruch, der zu der Frau mit der leisen Stimme und den vorsichtigen Händen gehörte, war so eine Chance. Und so beschloss der Kater - der nicht wusste, dass er von nun an Bruno genannt werden würde, nach einem Ketzer, der von unendlichen Welten geträumt hatte - mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, die der Sturheit von Federcia und den weissen sardischen Eseln in nichts nachstand, auf dieser Welt zu bleiben..." (S.64/156)

Ich hoffe, dieser Ausflug nach Rom zum Schauplatz von Federica und ihren Freunden hat euch gefallen und macht Lust, das Buch zu lesen und auch einmal nach Rom oder an den Schauplatz eurer Lieblingsbücher zu reisen! Mir und meiner Familie hat es auf jeden Fall viel Spass gemacht mit einem etwas anderen Reiseführer durch Testaccio und Trastevere zu schlendern und den Aventin zu erklimmen! 

Vielen Dank an Fiona Blum, die mir bereitwillig Auskunft über das Setting ihres beliebten Romans gab! 


(Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf das eBook, gelesen auf dem Tolino)




Kommentare:

Anja Bauer hat gesagt…

Guten morgen, Anya,
hach ein schöner Bericht. Man denkt echt, Du hast das Buch erlebt und dann immer die passenden Erlebnisse, z. B. die Frau mit dem Trolly. Super. Vielen Dank für den erlebnisreichen Bericht.
Ganz liebe Grüße
Anja

Bücher in meiner Hand hat gesagt…

Liebe Anja
dass die Frau mit dem Einkaufswagen mir direkt vor die Linse lief, war ein glücklicher Zufall - gab mir aber tatsächlich das Gefühl die Geschichte live zu erleben. Am liebsten würde ich gleich wieder nach Rom :-)
Liebe Grüsse
Anya