Sonntag, 30. August 2026

Ein Ort, der bleibt von Sandra Lüpkes

Klappentext:
Magdas Leben verändert sich mit einem Schlag: Ihr Mann Alfred, Botaniker in Münster, verliert 1933 seine Professorenstelle, weil er Jude ist. Als sich die Situation in Deutschland zuspitzt, packt die Familie Heilbronn ihre Koffer. Im fernen Istanbul lockt ein überraschendes Angebot: Republikgründer Atatürk will die Universitäten des Landes modernisieren, und am Bosporus soll ein prächtiger Botanischer Garten mit Pflanzen aus aller Welt entstehen. Also verstaut Magda im Gepäck auch Samen aus der westfälischen Heimat. Aber wird sie selbst in der Fremde neue Wurzeln schlagen? Wenige Jahre später ist der Garten in der Altstadt von Istanbul ein blühender Ort der Wissenschaft. Die talentierte Botanikerin Mehpare kümmert sich als Alfreds Assistentin um Beete und Gewächshäuser. So vieles lässt sich in der Welt sammeln und erforschen – nur Mehpares Gefühle bleiben unentdecktes Terrain. Bis sie nach einem tragischen Unglück den Boden unter den Füßen verliert. Jahrzehnte später verschlägt es die junge Stadtplanerin Imke nach Istanbul. Sie soll eine Studie zur Zukunft des Botanischen Gartens erstellen – und damit über das Schicksal dieses besonderen Ortes mitentscheiden. Doch sie ahnt nicht, dass sie dazu selbst aus dem Schatten treten muss.


Schon auf den ersten Seiten hat mich Autorin Sandra Lüpkes abgeholt, ich war gefühlsmässig voll drin und streifte erst mit Mehpare, dann mit Imke und später auch mit Magda durch die Strassen von Istanbul, durch "ein Mosaik aus türkisblauen Steinchen". Der Roman ist in verschiedene Zeitebenen aufgeteilt, in denen wir drei Frauen - und einige Männer - auf ihren Lebenswegen begleiten. 
 
Der Roman beginnt im Jahre 1926 mit Mehpare Başarman. Mehpare liebt die naturwissenschaftlichen Fächer in ihrem Mädchengymnasium, welches leider bald abbrennt. Sehr wahrscheinlich war es Brandstiftung durch die religiöse Behörde, die nicht will, dass Mädchen Bildung erfahren. Die Schule wird andernorts wieder aufgebaut, Mehpare wird Studentin und freut sich, dass ein deutscher Genetik-Professor bald hier ihr Lieblingsfach unterrichten wird. Sie hofft, dass er auf alle ihre Fragen Antworten geben kann. Fragen hat sie unendlich viele, denn "Wissen hat kein Ende". 

Ihre frühere Lehrerin Sarah, mit griechischer Abstammung, ehrenvoll immer Sara Hanım (= Frau Sarah) genannt, spricht deutsch und trifft Mehpare überraschend wieder, als der Professor seine erste Vorlesung hält. Auch ihren Lebensweg streift man öfters.

Magda Heilbronner ist Protestantin, ihr Mann Alfred Jude. Als es 1933 in Deutschland immer schlimmer wird und jüdische Menschen aus ihren Berufen und aus Universitäten und Schulen verbannt werden, nimmt sie die Gefahr eher wahr als ihr Mann, Typ schusseliger Professor. Schlussendlich sieht er es auch und nimmt die Einladung und Berufung nach Istanbul an. Magda reist von Münster aus mit ihren beiden Kindern mit dem Zug nach, und lebt sich sehr schnell ein.

In der Gegenwart soll Imke, eine Stadtplanerin, Kai in Istanbul assistieren. Sie sollen herausfinden, wie bedeutend ein altes, abgebranntes Schulgebäude in Istanbul ist, um es entweder zu schützen oder ganz abzureissen. Doch Imke merkt schnell, dass sie ihre Stelle nur aufgrund ihrer Bekanntschaft mit Kais Freundin bekommen hat und Kai die Arbeit vor allem ihr überlässt. Den Grund dafür muss sie erst noch herausfinden.

Sandra Lüpkes nimmt hundert Jahre türkische Geschichte auf in ihrem Roman und bettet zudem viele Details über den Holocaust mit ein. Sie bringt sie in Verbindung mit der Türkei, vor allem der Stadt Istanbul und obwohl ich viel über das Land weiss, schloss sich für mich eine Wissenslücke. Über hundert deutsche und österreichische Professoren wurden nach Istanbul an Schulen und Universitäten geschickt, um nach den neuen, von Mustafa Kemal Atatürk festgelegten Reformplänen zu unterrichten. Mit ihren Familien, Assistenten und Lieblingsschüler*innen befanden sich nun fast tausend Menschen in grösserer Sicherheit als im judenfeindlichen Mitteleuropa. Leider verirrten sich aber auch fremdenfeindliche Deutsche an den Bosporus und so fand man an der deutschen Schule in Istanbul damals leider einige Nazi-Unterstützer und musste aufpassen.

Der Roman ist gespickt mit liebevollen türkischen Ausdrücken, Redewendungen und sprachlichen Verbindungen. Da ich die Sprache verstehe, war das für mich wunderschön zu lesen. Zudem schreibt Lüpkes kleine, feine Hinweise auf bereits stattgefundene Ereignisse, die nur Sinn machen, wenn man alles gelesen hat. Zum Beispiel, als auf einem Friedhof in Bebek eine kleine handgeschriebene Notiz gefunden wird. Diese Hinweise haben mir immer sehr gut gefallen.

"Ein Ort, der bleibt" ist ein sehr intensiver Roman, den ich nicht am Stück lesen konnte, sondern immer wieder Pausen machen musste, um das Gelesene sacken zu lassen. Er ist einer der besten mir untergekommenen Romane in den letzten Jahren. Deshalb habe ich nun nicht nur ein neues Lieblingsbuch, sondern auch ein neues Lieblingswort: es heisst "Haymatloz".

Fazit: Ein enorm eindrücklicher Roman mit viel historischem und politischem Hintergrundwissen, den man nicht so schnell vergisst. Er kommt auf meine Jahreshighlight-Liste und bleibt mir sicher noch viele Jahre in bester Erinnerung.
5 Sterne.



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