Sonntag, 26. Oktober 2014

Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry von Rachel Joyce

Klappentext:
Wer ist die Frau, zu der Harold Fry 1000 Kilometer weit läuft? Als Queenie Hennessy erfährt, dass ihr früherer Kollege Harold Fry auf ihren Abschiedsbrief hin durch ganz England zu ihr ins Hospiz läuft, reagiert sie schockiert: Er bittet sie, auf ihn zu warten. Aber wie soll sie denn warten? Sie ist schließlich todkrank. Da schlägt ihr eine Betreuerin vor, einen weiteren Brief an Harold Fry zu schreiben und ihm ihre Geschichte zu erzählen, während er unterwegs ist.
Dieser Roman ist Queenie Hennessys Brief. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, deren Leben so ganz anders verläuft, als es alle von ihr erwarten. Ein Roman über die Reise des Lebens, die wir alle unternehmen müssen – und die Frage, ob wir uns gegenseitig retten können.

In "Die unglaubliche Pilgerreise des Harold Fry" erfahren wir über Queenie Hennessy nur, dass sie mit Harolds zusammen arbeitete, oft ein braunes Kostüm und bequeme Schuhe trug und Lieder rückwärts singen konnte. In "Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry" erzählt uns Rachel Joyce nun über Queenies Leben und erklärt, wieso Queenie das braune Kostüm immer trug, warum sie sich mit dem Rückwärtssingen der Lieder beschäftigte, was sie für Harold empfand und welche Beziehung sie zu seinem Sohn David pflegte. 
Die beiden Cover sind an sich unspektakulär, doch wer beide Bücher gelesen hat, sieht sie mit anderen Augen: auf Harolds Buch sind seine Segelschuhe abgebildet. Wie wir von Queenie erfahren, trug er kaum jemals andere Schuhe. Auf Queenies Cover sind ihre geliebten Tanzschuhe zu sehen. Was es mit ihnen auf sich hat, obwohl sie ja fast nur bequeme Schuhe trug - davon mehr im Buch.

Queenie ist es wichtig, dass Harold über ihr Leben Bescheid weiss bevor er sie im Hospiz besucht. Deshalb beginnt sie zu schreiben und möchte, dass Harold diesen Brief bekommt, bevor er ihr gegenübertritt. 
Es gibt drei Erzählstränge. Zum einen die Briefschreiberei, zum andern Queenies Vergangenheit, der dritte Strang erzählt über das Leben im Hospiz: 

Im Briefschreibe-Strang treffen wir auf die witzige Schwester Mary Inconnue. Sie tippt Queenies handgeschriebene Briefe auf der Schreibmaschine ab und massiert oft Queenies kalte Hände. Mary Inconnue - da ich mich ein wenig mit der Zusammensetzung der schwesterlichen Namenstradition auskenne, war mir klar, dass hier noch eine Erklärung dazu folgen würde. Die kam ganz ganz am Schluss und liess mich lachen :-)

Im Hospiz werden unheilbar Kranke in ihrer letzten Lebensphase versorgt und begleitet. Und somit ist der bevorstehende Tod allen vor Augen und allgegenwärtig. "Ein Leben zwischen Nährstoffshake und Schmerzmittel", wie es die Bewohner selbst nennen. 
Sie alle sind informiert über Harolds Reise und so langsam beginnen auch Besucher mitzufiebern. Als in den Medien über Harold berichtet wird, bekommt Queenie Grusskarten von überall und im Hospiz werden Pakete mit Wärmeflaschen usw. abgeben. Eine der Patienten, Finty, beginnt sogar zu twittern, und meint einmal: "Ab sofort wird nicht mehr gestorben, wir warten alle auf Harold"
Finty ist forsch und spontan. Mr Henderson bünzlig, der einarmige Perlenkönig ruhig und Barbara schon sehr schwach. Sie sind neben den vier Ordensschwestern Lucy, Philomena, Catherine und Mary Inconnue (und natürlich Harold und David) die Hauptpersonen im Buch. Als vor dem Hospiz sogar Nachtwachen abgehalten werden, wird es ihnen zu bunt und Schwester Philomena spricht ein Machtwort. Danach wird es wieder ruhiger, viel ruhiger, denn Queenies Mitpilger entwischen, gehen ohne sie weiter.
Liebevoll wird in diesem Strang beschrieben wie die Schwestern im Hospiz alles für ihre Patienten tun. Es werden Nägel lackiert, Weihnachten im Mai gefeiert und Fragen, deren Antworten man nicht weiss, gegoogelt. 
Mich erinnerten die Hospiz-Beschreibungen oft an das Altersheim in dem meine Grossmutter ihre letzten Jahre lebte. Wie die Bewohner unten im Aufenthaltsraum zusammen sassen, miteinander sprachen, lachten, spielten und auch schimpften. So konnte ich mir Queenie und ihre Mitbewohner bildlich vorstellen, wie sie ihre Zeit zusammen verbrachten. 

Auch Queenie und Harold haben während ihrer geschäftlichen Autofahrten viel Zeit miteinander verbracht. Hätte diese Zeit besser sein können? Oder war es gut so wie es war? 
Queenie schreibt in ihrem Brief wie sie in die Brauerei kam, warum sie blieb, wie sie Harold und später David (Harolds süchtigen, egoistischen Sohn - der trotzdem kein Selbstwertgefühl hat) kennenlernt, wieso sie es Harold verschwieg. Und wir erfahren den Grund, der zur Kündigung von Queenie führte. Danach wollte Queenie nur noch weit fort (hier treffen wir auf den aus Harolds Buch schon bekannten, einsamen Gentleman im Bahnhofbuffet, der gar nicht so einsam war) und fand schnell an Schottlands Küste ein neues Zuhause. Hier legte sie einen Garten an. Erst waren es nur ein, zwei Pflanzen, dann wurde daraus ein richtiger Garten mit Fundstücken aus dem Meer; für sie alles Erinnerungen an ihr Leben.
In ihrem Garten hatte sie Erinnerungen gepflanzt und genauso wie die neuen Mitwanderer von Harold ihn nervten, nervten Queenie die vielen Gartenbesucher und später ebenso die Nachtwachen vor dem Hospiz. All das Laute hat nichts mit ihnen beiden, ihren Erinnerungen und ihren Geschichten zu tun. Doch am Ende haben beide auf ihre Weise alles Überflüssige abgestreift und sind wieder ganz bei sich. "Man kann seinen Garten wie seine Erinnerung schützen, und Liebe und Erinnerung im Herz behalten statt nach aussen zu tragen."

Die Geschichte berührt. Ein stimmungsvolles, feinfühliges, tief emotionales Buch. 5 Punkte inklusive Nastüechlifaktor. 


Abschliessen möchte ich mit drei Buch-Zitaten zum Nachdenken:

"Wege überraschen, manchmal geht es nicht geradeaus weiter, sondern seitlich."

"Dinge haben oft keinen Anfang und kein Ende."

"Das Glück war immer da, sie hat es nur nie wahrgenommen."

Kommentare:

  1. Liebe Anya,

    das ist eine wunderschöne Rezi, die mich wieder daran erinnert, dass ich diese Geschichte als Hörbuch sowie Taschenbuch aufm SuB liegen habe und sie auch endlich lesen möchte! Habe sofort nach der Veröffentlichung hören wollen, dann kam was dazwischen und nun ist sie versubbt. Sehr schade, wie ich deiner Meinung entnehmen kann. Ich möchte jetzt wirklich wissen, wer diese Queenie war und was sie mit Harold verbindet! Ich habe auch Labels mit einer Aufteilung nach Autoren. Das finde ich toll und gelangte somit bei dir über das Label von Rachel Joyce zu dieser Rezi.

    GlG vom Monerl
    #litnetzwerk

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  2. Und, hast du es mittlerweile gelesen?
    Labels sind mir auf anderen Blogs auch hilfreich. Oder ein Rezensionsindex, dann kann man sich schnell mal einen Überblick verschaffen. Ich schaffe es leider nur selten, den auch aktuell zu halten.
    Liebe Grüssse
    Anya

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